Die Handsemmel bekommt in Wien eine Bühne, und zwar im wörtlichen Sinn: Bei der Ausstellung „Semmelreich“ steht jede einzelne Semmel auf ihrem eigenen Podest. Zehn Bäckereien aus Wien und Umgebung beteiligen sich von 1. bis 4. Oktober 2026 an dem Projekt im Rahmen des kunst.fest.währing. Kuratorin Heidi Strobl will dabei nicht die vermeintlich schönste Semmel küren, sondern die Vielfalt eines Gebäcks zeigen, das wie kaum ein anderes mit österreichischer Backkultur verbunden ist.

Die Ausstellung findet im Haus 4 der ehemaligen Semmelweisklinik in Wien-Währing statt. Zur Vernissage am Donnerstag, 1. Oktober, werden die ersten Handsemmeln um 18 Uhr auf ihre Podeste gestellt. In den folgenden Tagen liefern die teilnehmenden Bäckereien jeweils frische Exemplare. Der Eintritt ist frei.
Jede Semmel ist ein Einzelstück

Kuratorin Heidi Strobl rückt mit „Semmelreich“ die Handsemmel und das Bäckerhandwerk ins Rampenlicht. © Barbara Wittmann
Kuratorin Heidi Strobl rückt mit „Semmelreich“ die Handsemmel und das Bäckerhandwerk ins Rampenlicht. © Barbara Wittmann

„Es geht dabei nicht um die schönste Semmel, sondern um die Vielfalt und Einzigartigkeit jedes Stücks. So wie in der Kunst“, beschreibt Heidi Strobl die Idee hinter „Semmelreich“.

Damit rückt ein Handgriff ins Zentrum, der im Alltag längst nicht mehr selbstverständlich ist. Die von Hand geschlagene Kaisersemmel wurde in vielen Betrieben von maschinell erzeugter Ware verdrängt. In Wien gibt es laut Bäckerinnung noch rund 20 Bäckereien, die täglich Semmeln von Hand schlagen.

Was das handwerklich bedeutet, bringt Josef Schrott, Innungsmeister der Bäcker, auf einen knappen Nenner: „Der Unterschied ist die Zeit. Mehr Zeit, mehr Geschmack.“

Genau diese Zeit ist auch lebensmittelrechtlich Teil der Definition. Das Österreichische Lebensmittelbuch hält für die Bezeichnungen „Handsemmel“ und „Wiener Kaisersemmel“ unter anderem fest, dass es sich um ein handgewirktes Weißgebäck mit fünfteiligem Stern und einer Teigführung von zumindest zwei Stunden handeln muss.

Zehn Bäckereien machen mit

Die Ausstellung bringt sehr unterschiedliche Betriebe zusammen, vom traditionsreichen Familienunternehmen bis zur jungen Handwerksbäckerei. Mit dabei sind:

Geier. Die Bäckerei

Bäckerei Der Mann

mel&koffie

Bio Bäckerei Öfferl

Lilla Soul Boulangerie

Bäckerei Schrott

Bäckerei Schwarz

Bäckerei Schwarzbrot

Bäckerei Szihn

Wannenmacher

Als besonderes Ausstellungsstück bekommt außerdem eine Handsemmel der Porzellanmanufaktur Augarten ihren Platz auf einem Podest.
Mehr Zeit, mehr Geschmack

Die Ausstellung will auch sichtbar machen, warum Handsemmel und Maschinsemmel nicht einfach zwei Varianten desselben Produkts sind. Eine längere und insbesondere kühle Führung des Weizenteiges fördert die Aromaentwicklung und kann zu einer saftigeren Krume und einer knusprigeren Kruste beitragen.

Beim Formen kommt ein Faktor hinzu, der sich nicht normieren lässt: Erfahrung. Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Jahreszeit und Teigentwicklung beeinflussen den richtigen Zeitpunkt und die Arbeit des Bäckers. Bäckermeister Horst Felzl formuliert es in der Presseinformation so: „Es steckt einfach der Mensch drinnen.“

Gerade deshalb passt die Handsemmel erstaunlich gut in eine Kunstausstellung. Ihr fünfteiliger Stern folgt einer klaren handwerklichen Form, trotzdem sieht kein handgeschlagenes Stück exakt wie das andere aus.

Eine Handsemmel ist Handarbeit mit Charakter: außen resch, innen flaumig und mit ihrem fünfteiligen Stern ein Stück österreichische Backkultur. © Geier
Eine Handsemmel ist Handarbeit mit Charakter: außen resch, innen flaumig und mit ihrem fünfteiligen Stern ein Stück österreichische Backkultur. © Geier

Erst aufs Podest, dann auf den Teller

„Semmelreich“ bleibt nicht beim Anschauen. Unter dem Titel „Semmelstreich“ werden die frisch gelieferten Semmeln noch am selben Tag bestrichen und gegessen. Das „Semmelweis“ ist ein klassisches Buttersemmerl, „Semmelgrün“ bekommt zusätzlich Schnittlauch und „Semmelgelb“ Eiaufstrich. Was sich hinter „Semmelrot“ verbirgt, soll erst beim Festival verraten werden.

Auch übrig gebliebene Semmeln haben bereits eine Aufgabe. Am Samstag, 3. Oktober, werden sie von 11 bis 13 Uhr in der Knödelwerkstatt „Semmelweich“ zu Semmelknödeln verarbeitet. Für den Workshop stehen 15 Plätze zur Verfügung, der Kostenbeitrag beträgt fünf Euro.

Am Sonntag, 4. Oktober, folgt ab 11 Uhr das „Knödelfinale“. Dann kommen die Semmelknödel als g’röste Knödel auf den Tisch, solange der Vorrat reicht.
Semmelreich beim kunst.fest.währing

Das kunst.fest.währing findet von 30. September bis 4. Oktober 2026 statt. „Semmelreich“ ist von 1. bis 4. Oktober im Festivalzentrum in Haus 4 der ehemaligen Semmelweisklinik, Hockegasse 37 in 1180 Wien, zu sehen. Die Ausstellung ist am 1. und 2. Oktober von 18 bis 22 Uhr, am 3. Oktober von 14 bis 22 Uhr sowie am 4. Oktober von 11 bis 19 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Mit dem ungewöhnlichen Blick auf ein scheinbar alltägliches Gebäck erinnert „Semmelreich“ daran, wie viel Können in fünf sauber geschlagenen Segmenten stecken kann. Die Handsemmel bekommt für vier Tage ihr Podest. Für das österreichische Bäckerhandwerk ist es eine kleine Bühne für ein großes Stück Alltagskultur.