150-Millionen-Deal: Warum AGRANA den Aromen-Spezialisten esarom will
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150 Millionen Euro Unternehmenswert für einen niederösterreichischen Aromenhersteller mit knapp 400 Beschäftigten: Die geplante Übernahme von esarom durch AGRANA ist deutlich mehr als ein weiterer Zukauf in der österreichischen Lebensmittelindustrie. Der Wiener Konzern verstärkt damit genau jenen Bereich, in dem Rezepturentwicklung, Anwendungstechnik und maßgeschneiderte Food-&-Beverage-Lösungen eine immer größere Rolle spielen.
AGRANA hat am 9. September 2026 beschlossen, 100 Prozent der Anteile an der esarom gmbh sowie der esarom holding gmbh mit Sitz in Oberrohrbach in Niederösterreich zu erwerben. Für das Unternehmen wurde nach Angaben von AGRANA ein Enterprise Value von rund 150 Millionen Euro vereinbart. Die notwendigen internen Beschlüsse bei AGRANA liegen vor. Die Transaktion ist allerdings noch nicht abgeschlossen und benötigt nach Unterzeichnung des Kaufvertrags noch die erforderlichen wettbewerbsrechtlichen Genehmigungen.
Für Bäcker, Konditoren und Backwarenhersteller ist der Deal auch deshalb interessant, weil esarom nicht nur Aromen produziert. Das Unternehmen entwickelt Grundstoffe, Extrakte, Emulsionen, Pulver, funktionale Mischungen und kundenspezifische Anwendungen für die Lebensmittel- und Getränkeindustrie. Zum Anwendungsspektrum gehören auch Süßwaren und Feinbackwaren.
150 Millionen Euro Unternehmenswert für esarom
Der vereinbarte Enterprise Value von rund 150 Millionen Euro entspricht laut AGRANA einem EBITDA-Multiple von 9,0. Diese Zahl ist allerdings nicht mit dem letztlich zu zahlenden Kaufpreis gleichzusetzen.
AGRANA-Sprecher Markus Simak hat den Unterschied in einem Interview mit dem österreichischen Handelsfachmagazin CASH präzisiert. Gegenüber CASH-Journalistin Margaretha Jurik erklärte er, der Enterprise Value beschreibe den Gesamtwert des Unternehmens unabhängig von dessen konkreter Finanzierungs- und Kapitalstruktur. Der tatsächliche Kaufpreis könne unter anderem aufgrund von Schulden, vorhandener Liquidität sowie weiteren Anpassungen zum Zeitpunkt des Closings abweichen.
Auch AGRANA selbst verweist auf marktübliche Kaufpreisanpassungsmechanismen und erfolgsabhängige Kaufpreiskomponenten. Die Finanzierung soll über die vorhandene Liquidität der AGRANA-Gruppe sowie verfügbare Bankenlinien erfolgen.
esarom erzielte im Jahr 2025 einen Umsatz von 112 Millionen Euro und beschäftigt knapp 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Mehr als 80 Prozent des Geschäfts entfallen nach Unternehmensangaben auf den Export. Besonders wichtig sind Mittel- und Osteuropa, der Mittlere Osten sowie Zentralasien.
Entscheidend ist nicht nur das Aroma
Warum AGRANA bereit ist, für esarom diese Größenordnung aufzuwenden, wird deutlicher, wenn man hinter Produkte und Umsatzzahlen blickt. AGRANA kauft mit dem Unternehmen auch jahrzehntelang aufgebautes Rezepturwissen, Anwendungstechnik, Kundenbeziehungen und Entwicklungskompetenz.
Markus Simak bezeichnete das Projekt im Gespräch mit CASH als Wachstumsinvestition. esarom sei ein technologisch starker und über Jahrzehnte gewachsener Spezialist für Getränkegrundstoffe und Aromen. Besonders wichtig seien das Rezepturwissen, die Applikationstechnik und die Fähigkeit, kundenspezifische Lösungen rasch zu entwickeln.
Simak brachte den Wert dieses Wissens im CASH-Interview auf einen kurzen Satz: „Das Unternehmen würde Fähigkeiten in die Agrana-Gruppe einbringen, die man am Markt nicht kaufen kann.“
Damit geht es bei der geplanten Übernahme nicht nur um zusätzliche Produkte. AGRANA will nach eigenen Angaben sein Portfolio stärker in Richtung höherwertiger und weniger volatiler Spezialitäten entwickeln und näher an die Rezepturen seiner Kunden rücken.
AGRANA verschiebt den Schwerpunkt Richtung Food Solutions
Diese Strategie ist bereits deutlich in den Geschäftszahlen zu erkennen. AGRANA gliedert seine Aktivitäten inzwischen in die beiden strategischen Geschäftsbereiche Food & Beverage Solutions sowie Agricultural Commodities & Specialities.
Im Geschäftsjahr 2025/26 erwirtschaftete die AGRANA-Gruppe insgesamt 3,237 Milliarden Euro Umsatz. Der Bereich Food & Beverage Solutions kam dabei auf rund 1,648 Milliarden Euro und stand damit bereits für mehr als die Hälfte des Konzernumsatzes.
Auch beim Ergebnis hatte dieser Bereich besonderes Gewicht: Food & Beverage Solutions erzielte 2025/26 ein EBIT von 103,3 Millionen Euro. Der gesamte AGRANA-Konzern musste dagegen aufgrund hoher negativer Sondereffekte ein EBIT von nur 3,2 Millionen Euro ausweisen.
Die Zahlen machen die Richtung deutlich: Geschäftsfelder, in denen AGRANA nicht lediglich Rohstoffe liefert, sondern Lebensmittelkomponenten entwickelt und an konkreten Kundenprodukten mitarbeitet, werden für den Konzern strategisch immer wichtiger.
Frucht, Geschmack und Rezeptur rücken zusammen
AGRANA verfügt bereits über starke Positionen bei Fruchtzubereitungen, Saftkonzentraten, Getränkegrundstoffen und kundenspezifischen Lebensmittel- und Getränkelösungen. esarom ergänzt dieses Portfolio insbesondere durch Aromen, Extrakte, funktionale Mischungen, Emulsionen und Formulierungs-Know-how.
Gerade diese Kombination ist für Produktentwickler interessant. Bei einer neuen Backware, Süßware oder einem Dessert entscheidet nicht eine einzelne Zutat über das Ergebnis. Geschmack, Fruchtkomponente, Süße, Textur, Stabilität, Mundgefühl und Verarbeitung müssen miteinander funktionieren.
Mit esarom könnte AGRANA künftig mehr dieser Entwicklungsschritte innerhalb eines gemeinsamen Netzwerks abdecken. Statt lediglich einzelne Zutaten anzubieten, rückt der Konzern damit stärker in die Entwicklung kompletter Produktlösungen.
Auch Feinbackwaren gehören zum Geschäft von esarom
Für die Bäcker- und Konditorenbranche ist esarom keineswegs nur wegen seines Getränkegeschäfts relevant. Das Unternehmen entwickelt auch Zutaten und Lösungen für Süßwaren und Feinbackwaren.
Dazu zählen Aromen und Extrakte ebenso wie funktionale Mischungen, Emulsionen, Stabilisatoren und Lösungen für Textur, Funktionalität und Geschmacksentwicklung.
Vor allem bei industriell und halbindustriell produzierten Feinbackwaren, Füllungen, Cremes, Desserts und Süßwaren wird diese Anwendungskompetenz zunehmend wichtig. Werden Zucker, Fett oder einzelne Rohstoffe verändert, betrifft das häufig nicht nur den Geschmack. Konsistenz, Stabilität, Verarbeitung, Haltbarkeit und Mundgefühl können sich gleichzeitig verändern.
Genau an diesem Punkt wird aus einem Zutatenlieferanten ein Entwicklungspartner. Rezepturen müssen nicht nur auf dem Papier funktionieren, sondern sich auch unter realen Produktionsbedingungen verlässlich herstellen lassen.
Drei Standorte in Niederösterreich sollen enger zusammenarbeiten
Auch geografisch passt esarom ausgesprochen gut zur bestehenden AGRANA-Struktur. Der Unternehmenssitz von esarom befindet sich in Oberrohrbach in Niederösterreich. In Rückersdorf-Harmannsdorf liegen weitere Produktions- und Entwicklungsaktivitäten sowie das von esarom als „House of Taste“ bezeichnete Kompetenzzentrum.
AGRANA plant, Oberrohrbach und Rückersdorf gemeinsam mit dem AGRANA-Standort Kröllendorf zu einem integrierten Drei-Standorte-Verbund zu entwickeln.
Produktion, Produktentwicklung, Anwendungstechnik und Kundenbetreuung sollen dadurch enger miteinander vernetzt werden. AGRANA erwartet sich davon unter anderem kürzere Entwicklungswege sowie zusätzliche Möglichkeiten bei gemeinsam mit Kunden entwickelten Produkten.
Die knapp 400 esarom-Beschäftigten bringen dabei nicht nur Produktionskapazitäten ein. Besonders wichtig sind für AGRANA die gewachsenen Kundenbeziehungen, die Marktkenntnis in den Exportregionen und das über Jahrzehnte entstandene Formulierungswissen der Teams.
Ein österreichischer Spezialist mit mehr als 80 Prozent Export
esarom wurde 1946 gegründet und entwickelte sich von Niederösterreich aus zu einem international tätigen Spezialisten der Lebensmittel- und Getränkeindustrie.
Mit einer Exportquote von mehr als 80 Prozent ist das Unternehmen heute weit über Österreich hinaus tätig. Wichtige Absatzregionen liegen in Mittel- und Osteuropa, im Mittleren Osten sowie in Zentralasien.
Für AGRANA bedeutet die Übernahme daher nicht nur zusätzliches technologisches Know-how. esarom bringt auch Vertriebskanäle, Marktkenntnis und Kundenbeziehungen in Regionen ein, die für das internationale Food-&-Beverage-Geschäft des Konzerns interessant sind.
Austria Juice war der vorherige große Baustein
Der geplante esarom-Kauf steht nicht allein. AGRANA hatte bereits 2025 die vollständige Kontrolle über Austria Juice übernommen. Im Mai 2025 beschloss der Konzern, die bis dahin von RWA Raiffeisen Ware Austria gehaltenen 49,99 Prozent zu erwerben. Der Vollzug erfolgte im Oktober 2025.
Damit wurde das Geschäft mit Saftkonzentraten, Getränkegrundstoffen und Aromen vollständig in die AGRANA-Gruppe integriert. esarom würde nun weitere Kompetenzen in den Bereichen Aroma, Rezepturentwicklung und Anwendungstechnik hinzufügen.
Beide Schritte passen zur Konzernstrategie „AGRANA NEXT LEVEL“, mit der AGRANA seine Organisation stärker auf die beiden großen Bereiche Food & Beverage Solutions sowie Agricultural Commodities & Specialities ausgerichtet hat.
Der Gegensatz zum Zuckergeschäft könnte größer kaum sein
Wie konsequent AGRANA diese Verschiebung betreibt, zeigt der Blick auf das traditionelle Zuckergeschäft. Im Geschäftsjahr 2025/26 musste der Konzern dort erhebliche Belastungen verkraften. AGRANA hat die Zuckerproduktion am Standort Leopoldsdorf in Österreich sowie in Hrušovany in Tschechien eingestellt.
Der Konzern reagierte damit auf ein schwieriges Marktumfeld mit rückläufigem Zuckerkonsum, hohem Wettbewerbsdruck, steigenden Produktionskosten und strukturellen Herausforderungen im europäischen Zuckermarkt.
Während klassische Rohstoffbereiche stärker von Marktpreisen, Ernten, Energiepreisen und internationalem Wettbewerb abhängen, verspricht sich AGRANA von spezialisierten Produktlösungen höhere Wertschöpfung und eine engere Bindung an die Kunden.
Die geplante Übernahme von esarom fügt sich genau in diese Verschiebung ein.
„ONE AGRANA“ soll aus einzelnen Kompetenzen ein Gesamtangebot machen
AGRANA-CEO Stephan Büttner ordnet den geplanten Kauf in den konzernweiten Ansatz „ONE AGRANA“ ein. „Mit esarom wollen wir nicht nur unser Portfolio erweitern, sondern komplementäre Kompetenzen zu einem stärkeren Gesamtangebot verbinden“, erklärte Büttner anlässlich der Bekanntgabe der Transaktion.
Die Idee dahinter: Fruchtzubereitungen, Saftkonzentrate, Getränkegrundstoffe, Aromen, funktionale Zutaten und Anwendungstechnik sollen weniger als getrennte Produktwelten behandelt werden. Kunden sollen stärker aus einem gemeinsamen Entwicklungs-, Produktions- und Vertriebsnetzwerk betreut werden.
Gerade in der Lebensmittelindustrie gewinnt dieses Modell an Gewicht. Produktentwicklungen werden komplexer, gleichzeitig sollen Entwicklungszeiten kürzer werden. Wer Rohstoffwissen, Anwendungstechnik und Formulierungskompetenz zusammenführen kann, sitzt damit zunehmend direkt am Entwicklungstisch seiner Kunden.
Closing zwischen März und Mai 2027 erwartet
Noch ist esarom allerdings nicht Teil der AGRANA-Gruppe. AGRANA hat die notwendigen internen Beschlüsse zum Erwerb gefasst, anschließend sind die vertraglichen und behördlichen Schritte abzuschließen.
In der ersten Mitteilung sprach AGRANA von einem erwarteten Vollzug zu Beginn des Geschäftsjahres 2027/28. AGRANA-Sprecher Markus Simak präzisierte den Zeitplan im Interview mit CASH: Erwartet werde das Closing im ersten Geschäftsquartal 2027/28, also zwischen März und Mai 2027.
Der tatsächliche Zeitpunkt hängt von den erforderlichen behördlichen Verfahren ab. Bis zum Vollzug der Transaktion bleiben AGRANA und esarom eigenständige Unternehmen.
Hinter den 150 Millionen Euro steckt vor allem Entwicklungswissen
Die 150 Millionen Euro sind die auffälligste Zahl des geplanten Geschäfts. Für die Back-, Süßwaren- und Lebensmittelindustrie ist langfristig aber etwas anderes interessanter: AGRANA investiert gezielt in Kompetenzen, die näher am fertigen Produkt liegen.
Frucht, Geschmack, funktionale Zutaten, Getränkegrundstoffe und Anwendungstechnik sollen enger zusammengeführt werden. esarom bringt dafür Wissen mit, das über Jahrzehnte in Rezepturen, Versuchen, Kundenprojekten und Produktionsanwendungen entstanden ist.
Genau das erklärt auch Markus Simaks Aussage gegenüber CASH, wonach bestimmte Fähigkeiten nicht einfach am Markt eingekauft und kurzfristig aufgebaut werden können. Der Unternehmenswert steckt damit nicht allein in Anlagen, Umsatz oder einzelnen Produkten, sondern wesentlich auch im Wissen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und in den Entwicklungsbeziehungen zu den Kunden.
Kommt die Übernahme wie geplant zustande, entsteht in Niederösterreich ein deutlich größerer Verbund für Produktentwicklung und Anwendungstechnik. Für AGRANA wäre es ein weiterer Schritt vom stark rohstoffgeprägten Lebensmittelkonzern hin zu einem Unternehmen, das stärker an Rezeptur, Geschmack und Entwicklung des fertigen Produkts beteiligt ist.
Quellen und weiterführende Informationen
Grundlage für die Angaben zur geplanten Transaktion sind die offiziellen Finanz- und Unternehmensmitteilungen von AGRANA vom 9. September 2026 sowie Informationen von esarom.
Die zusätzlichen Aussagen von AGRANA-Sprecher Markus Simak zum strategischen Hintergrund, zum erwarteten Closing zwischen März und Mai 2027 sowie zur Abgrenzung von Enterprise Value und tatsächlichem Kaufpreis stammen aus dem Interview „Warum braucht Agrana die Kompetenz von esarom, Herr Simak?“ von Margaretha Jurik, erschienen am 10. September 2026 im österreichischen Handelsfachmagazin CASH. Die Aussagen wurden von der Redaktion der Österreichischen Bäcker & Konditor Zeitung überwiegend zusammengefasst und eingeordnet; ein kurzes Originalzitat wurde als solches gekennzeichnet.
Aktuelle Kennzahlen zur AGRANA-Gruppe und zur Entwicklung von Food & Beverage Solutions finden sich im Investor-Relations-Bereich von AGRANA sowie im Geschäftsbericht 2025/26.


