121.800 Tonnen vermeidbare Lebensmittelabfälle pro Jahr: Diese Zahl steht seit fast einem Jahrzehnt für das Ausmaß der Verluste in der österreichischen Lebensmittelproduktion. Doch sie stammt aus einer Erhebung aus den Jahren 2015 und 2016. Seither haben sich Rohstoffpreise, Produktionsbedingungen und wirtschaftlicher Druck deutlich verändert. Mit dem neuen Projekt AVÖL soll deshalb erstmals wieder ein aktueller Blick darauf möglich werden, wo Lebensmittel in österreichischen Betrieben verloren gehen – und vor allem, was sich dagegen in der Praxis tun lässt.

Das ist gerade für produzierende Betriebe keine Nebensache. Rohstoffe, Energie, Arbeitszeit und Transportkosten stecken in jedem Produkt, das hergestellt, aber am Ende nicht verkauft oder weiterverwendet wird. Gleichzeitig erhöhen Trockenperioden, Ernteausfälle und steigende Rohstoffpreise den Druck auf die Lebensmittelwirtschaft. Vermeidbare Abfälle bedeuten damit nicht nur einen Verlust wertvoller Lebensmittel, sondern ebenso einen wirtschaftlichen Verlust für die Unternehmen.

Österreichweit fallen laut den in der Presseinformation genannten Daten jährlich rund 131 Kilogramm Lebensmittelabfälle pro Kopf an. Mehr als die Hälfte davon entsteht in privaten Haushalten. Landwirtschaft, Lebensmittelproduktion und Gastronomie stehen gemeinsam für weitere 42 Prozent, der Handel für fünf Prozent.

Zehn Jahre alte Daten reichen nicht mehr

Wie groß der vermeidbare Anteil innerhalb der Lebensmittelproduktion aktuell tatsächlich ist, lässt sich bislang allerdings nur auf Basis älterer Untersuchungen beurteilen. Die Studie „Abfallvermeidung in der österreichischen Lebensmittelproduktion“ kam damals auf jährlich 121.800 Tonnen vermeidbare Lebensmittelabfälle.

Genau hier setzt AVÖL an. Der vollständige Projekttitel lautet „Abfallvermeidung entlang der Wertschöpfungskette der österreichischen Lebensmittelwirtschaft – Fokus Lebensmittel und Verpackungen“. Das Projekt läuft von September 2026 bis Februar 2028 und soll nicht nur neue Zahlen liefern, sondern auch sichtbar machen, an welchen Stellen der Produktion heute die größten Einsparpotenziale liegen.

Geleitet wird das Projekt vom Lebensmittel-Cluster Oberösterreich der Wirtschaftsagentur Business Upper Austria. „Mit AVÖL wollen wir die aktuellen Daten erheben und herausfinden, wo nun die größten Hebel liegen und welche Lösungen in der Praxis wirklich funktionieren“, erklärt Projektleiter Dominik Gschaider.

Abfälle werden direkt in den Betrieben untersucht

Dafür wollen die Projektpartner Lebensmittelunternehmen in ganz Österreich zu ihren Abfallmengen, den jeweiligen Ursachen, den Entsorgungswegen sowie bereits umgesetzten Maßnahmen zur Abfallvermeidung und Sammlung befragen. Bei zehn ausgewählten Betrieben geht die Untersuchung noch einen Schritt weiter: Dort analysiert das Projektteam die anfallenden Abfälle nach unterschiedlichen Fraktionen direkt im Unternehmen.

Damit soll aus der Datenerhebung möglichst rasch betriebliche Praxis werden. In mindestens fünf Unternehmen sollen auf Basis der Analysen konkrete Verbesserungen umgesetzt werden. Je nach Ausgangslage kann es dabei um Produktionsabläufe und Transportwege ebenso gehen wie um Verpackungs- und Produktionsabfälle oder um gezielte Schulungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Der Zeitpunkt dafür ist auch regulatorisch relevant. Die novellierte Abfallrahmenrichtlinie sieht laut Presseinformation vor, Lebensmittelabfälle in Verarbeitung und Herstellung gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 2021 bis 2023 um zehn Prozent zu reduzieren. Belastbare und aktuelle Daten werden damit für die Lebensmittelwirtschaft zusätzlich wichtig.

Steyregger Bäckerei macht bei AVÖL mit

Dass Lebensmittelabfälle auch im Bäckerhandwerk längst weit mehr sind als übrig gebliebene Ware am Tagesende, zeigt die Beteiligung der brotsüchtig GmbH in Steyregg. Die oberösterreichische Bäckerei zählt zu jenen Betrieben, die bei AVÖL mitarbeiten wollen. Das Unternehmen produziert in seiner Backstube in Steyregg Brot, Gebäck und Mehlspeisen und setzt nach eigenen Angaben ausschließlich auf biologisch erzeugte Rohstoffe. :contentReference[oaicite:1]{index=1}

Die Geschäftsführer Stefan Faschinger und Oliver Raferzeder setzen nach eigenen Angaben bereits seit Jahren auf einen möglichst verantwortungsvollen Umgang mit ihren Rohstoffen. Eingekauft werde ausschließlich regional und bevorzugt direkt bei Landwirten, die Produktionsmengen würden möglichst effizient geplant. Brot, das dennoch übrig bleibt, wird an Sozialmärkte weitergegeben.

„Wir versuchen seit vielen Jahren, möglichst verantwortungsvoll mit unseren Rohstoffen umzugehen. Wir kaufen ausschließlich regional und bevorzugt direkt bei den Landwirt:innen ein. Unsere Produktionsmengen planen wir sehr effizient. Bleibt dennoch Brot übrig, geben wir es an Sozialmärkte weiter. Trotzdem sehen wir noch Potenzial, voneinander zu lernen und gemeinsam neue Wege zu finden, um Lebensmittelverluste zu reduzieren. Deshalb machen wir bei AVÖL mit“, erklären Stefan Faschinger und Oliver Raferzeder.

Weniger Verluste beginnen vor dem Abfall

Gerade für Bäckereien liegt darin ein interessanter Ansatz. Denn Lebensmittelverluste entstehen nicht erst dort, wo Brot, Gebäck oder Feinbackwaren tatsächlich entsorgt werden. Schon Produktionsplanung, Rohstoffeinsatz, Fehlchargen, Retouren, Lagerung, Transport und Verpackung entscheiden mit darüber, wie viel eines eingesetzten Rohstoffs letztlich als verkaufsfähiges Produkt beim Kunden ankommt.

AVÖL will deshalb nicht nur Abfallmengen erfassen, sondern ihre Ursachen genauer untersuchen und Erfahrungen zwischen den Betrieben nutzbar machen. Das kann besonders für kleinere und mittlere Unternehmen interessant sein, die ihre Abläufe zwar sehr genau kennen, für einen systematischen Vergleich mit anderen Betrieben bisher aber kaum aktuelle österreichische Daten zur Verfügung haben.

Forschung und Lebensmittelwirtschaft arbeiten zusammen

Zum Projektkonsortium gehören neben Business Upper Austria der Styrian Food Hub der Steirischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft SFG, die Pulswerk GmbH, ein Beratungsunternehmen des Österreichischen Ökologie-Instituts, das Institut für Abfall- und Kreislaufwirtschaft der BOKU University sowie die Fachhochschule Wiener Neustadt, Campus Wieselburg.

Die beteiligten Einrichtungen decken damit unterschiedliche Bereiche entlang der Wertschöpfungskette ab – von Unternehmensnetzwerken und betrieblicher Beratung bis zur wissenschaftlichen Analyse von Abfallströmen und Kreislaufwirtschaft.

Erkenntnisse sollen in der Branche bleiben

Neben den Erhebungen und betrieblichen Maßnahmen soll während der Projektlaufzeit ein österreichweites Netzwerk gegen Lebensmittelverschwendung entstehen. Die Erfahrungen aus den beteiligten Unternehmen sollen damit nicht bei einzelnen Pilotbetrieben bleiben, sondern auch nach Projektende in die Lebensmittelwirtschaft weitergetragen werden.

Als assoziierte Partner sind der Fachverband der Nahrungs- und Genussmittelindustrie der Wirtschaftskammer Österreich, der Lebensmittel Cluster Niederösterreich von ecoplus sowie die Wirtschaftsagentur Wien beteiligt.

Unterstützt wird AVÖL außerdem von der ARA Altstoff Recycling Austria AG als Sammel- und Verwertungssystem. Finanziert wird das Projekt durch die Abfallvermeidungs-Förderung der Sammel- und Verwertungssysteme für Verpackungen.

Bis Februar 2028 soll daraus nicht nur ein aktuelleres Zahlenbild entstehen. Für die Betriebe wird vor allem entscheidend sein, welche Maßnahmen sich im Produktionsalltag tatsächlich bewähren – und an welchen Stellen sich Lebensmittelverluste reduzieren lassen, ohne Qualität, Sortiment oder betriebliche Abläufe aus dem Blick zu verlieren.