Rund 5.300 Jahre nach seinem Tod sorgt der berühmte Gletschermann Ötzi erneut für wissenschaftliche Schlagzeilen. Forschende des Eurac-Forschungsinstituts in Bozen entdeckten bei Untersuchungen verschiedene Kältehefen an der Mumie und nutzten diese erfolgreich zur Herstellung eines Sauerteigs. Die Ergebnisse wurden nun in der Fachzeitschrift „Microbiome“ veröffentlicht.
Überraschender Fund bei der Mumienforschung
Die Wissenschaftler fanden insgesamt vier verschiedene Hefestämme im Umfeld der Mumie, darunter im Darm, auf der Haut sowie im Schmelzwasser des Körpers. Die entdeckten Mikroorganismen sind an extreme Kälte angepasst und kommen heute vor allem in alpinen Regionen oder der Antarktis vor.
Nach Einschätzung der Forschenden gelangten die Hefen vermutlich erst nach Ötzis Tod in den Körper. Dennoch boten sie eine seltene Gelegenheit, die Eigenschaften dieser außergewöhnlichen Mikroorganismen näher zu untersuchen.
Vom Labor zum Sauerteig
Unter der Leitung von Mohamed Sarhan wurden die Hefen im Labor vermehrt. Aus wissenschaftlicher Neugier entstand dabei eine Frage, die auch viele Bäcker beschäftigen würde: Lässt sich mit diesen Hefen Brot backen?
Der erste Versuch verlief nicht erfolgreich. Nach rund drei Monaten Entwicklungsarbeit gelang es dem Team jedoch, einen stabilen Sauerteig herzustellen. Laut Sarhan entwickelte sich daraus ein qualitativ hochwertiger Teig mit guten Backeigenschaften.
Für die Wissenschaftler steht damit bereits das nächste Projekt auf der Agenda. Künftig soll geprüft werden, ob sich die Hefen auch für Brauprozesse eignen.
Mehr als nur ein kurioses Backexperiment
Neben dem erfolgreichen Sauerteig liefert die Studie weitere interessante Erkenntnisse. Die Forscher stellten fest, dass die Hefen in der Lage sind, Phenol abzubauen. Diese Chemikalie wurde nach der Entdeckung der Mumie im Jahr 1991 eingesetzt, um Pilzwachstum zu verhindern.
Die Fähigkeit zum Abbau solcher Stoffe könnte künftig auch für Umwelt- und Biotechnologieanwendungen interessant werden.
Ein Blick in die Vergangenheit des Mikrobioms
Zusätzlich identifizierte das Forschungsteam ein Darmbakterium, das bei Menschen in industrialisierten Ländern heute kaum noch vorkommt. Vergleichbare Mikroorganismen werden derzeit vor allem in Teilen Afrikas und Südamerikas nachgewiesen.
Die Untersuchung zeigt, dass die berühmte Gletschermumie auch mehr als drei Jahrzehnte nach ihrer Entdeckung weiterhin wertvolle Einblicke in die Entwicklung von Mikroorganismen, Ernährung und Umweltbedingungen vergangener Jahrtausende liefert.
