Mit einem florierenden Online-Shop und einer stimmigen Social-Media-Strategie führen Oliver Gradwohl und Julia Bader-Gradwohl die Familienbäckerei in die Zukunft – ohne dabei einen Millimeter von dem abzuweichen, was Johann Gradwohl 1959 begann: bio, vollwertig, regional. Eine Geschichte über Haltung, die sich auszahlt.
Die Gradwohls waren schon immer visionär. Johann Gradwohl gründete 1959 seine Bäckerei in Weppersdorf im Mittelburgenland – und war schon damals der festen Überzeugung, dass Getreide mehr in sich hat, als nur als Auszugsmehl in der Backstube verarbeitet zu werden. Er ging davon aus, dass die Vermahlung des ganzen Korns mehr Geschmack für Brot und Gebäck ergibt und vor allem gesundheitliche Vorteile durch einen höheren Nährstoffgehalt bringt.
Vor knapp 70 Jahren teilten freilich nicht viele diese Meinung – so war es auch nicht verwunderlich, dass die Müller der Umgebung es ablehnten, das ganze Korn zu vermahlen. Johann Gradwohl nahm die Sache kurzerhand selbst in die Hand und begann, Getreide selbst zu vermahlen. Die Verarbeitung des ganzen Korns und die eigene Vermahlung sind damit von der ersten Stunde an – und bis heute – zentrale Bestandteile der Philosophie der Bio-Vollwertbäckerei Gradwohl.
Wachstum mit Handschrift
Auch die zweite Generation prägte den Betrieb nachhaltig. Peter und Emma Gradwohl entwickelten die Bäckerei weiter und bauten sie Schritt für Schritt aus. Während sich Peter auf die Expansion und die Produktentwicklung konzentrierte, übernahm Emma die Leitung an vorderster Front: Vertriebsmitarbeiter koordinieren, das Büro verwalten, Kundenanfragen managen. Vor rund 15 Jahren wurde bereits ein Online-Shop installiert – damals noch ein echtes Nischenphänomen für Lebensmittel. Bis zum Jahr 2020 zählte die Bäckerei 24 Filialen mit rund 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Die dritte Generation: Frisches Blut, alte Wurzeln
Oliver und Julia wuchsen mit der Bäckerei auf, die Backstube war ihr geliebtes Zuhause – und sollte es auch bleiben. Oliver Gradwohl absolvierte die Lehre zum Bäcker und Konditor und besuchte im Anschluss die Meisterschule in Wels. Eine Ausbildung, die den 31-jährigen Doppelmeister noch heute begeistert: „Ich habe in Wels wirklich viel dazugelernt.“ Oliver schloss die Meisterprüfung sogar mit Auszeichnung ab, wie dem Archiv der Bäckerzeitung zu entnehmen ist. Danach folgte der wichtige Blick über den eigenen Mikrokosmos hinaus – in andere Betriebe in Österreich und Deutschland. 2020 stieg er ins Familienunternehmen ein. Julia, zwei Jahre jünger als ihr Bruder, hat eine wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung absolviert und steht ihm seit zwei Jahren zur Seite. Ganz wie ihre Eltern teilen die beiden die Agenden im Betrieb – ein eingespieltes Team.
Als die Rechnung nicht mehr aufging
Die wirtschaftlichen Turbulenzen machten natürlich auch vor der Bäckerei Gradwohl nicht halt. Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg, explodierende Energie- und Rohstoffkosten sowie die zunehmende Konkurrenz der Supermärkte – all das baute Druck auf das junge Unternehmer-Duo auf. „Wir haben unsere Standorte durchgerechnet, und es war sofort klar: Wir müssen unbedingt etwas unternehmen. Das halten wir wirtschaftlich nicht durch“, sagt Oliver Gradwohl. Dazu hätte man rund zehn Filialen renovieren müssen, um für Kunden weiterhin attraktiv zu bleiben. Und auch die Backstube, das Herzstück jeder Bäckerei, benötigte eine Modernisierung.
Dazu hinkte auch die Mitarbeiterschulung hinterher – für die große Mannschaft schlicht nicht mehr zu stemmen. „Wir bieten unseren Kunden zu 100 Prozent vollwertige Bio-Produkte an. Dazu muss es auch eine 100-prozentige Top-Beratung geben“, ist Oliver Gradwohl überzeugt. Der erste Plan der Umstrukturierung sah vor, von 17 Filialen auf vier zu reduzieren. Dass in Wien dann doch drei der sieben Standorte gehalten werden konnten, ist letztlich den Kunden zu verdanken: Sie wechselten nach der Schließung der ersten Standorte einfach in die nächstgelegene Filiale – und sorgten so für die nötige Frequenz und die rentable Weiterführung.
Aktuell betreibt die Bäckerei Gradwohl sechs Filialen, davon drei im Burgenland und drei in Wien. An jedem Standort gibt es rund vier bis sechs Sitzplätze; in der Filiale in der Wiener Landstraßer Hauptstraße betreibt man ein Bäckerei-Café mit 20 Sitzplätzen und einem Schanigarten.
Von den rund 100 Mitarbeitenden musste Gradwohl auf etwa 45 reduzieren. 20 arbeiten in der Backstube, darunter vier Lehrlinge. Ein Teil der weggefallenen Stellen konnte durch Übernahmen anderer Bäckereien oder Gastronomen aufgefangen werden.
Viral in der Backstube
Vor rund drei Jahren wurden Website und Online-Shop neu gestaltet – die Vermarktung dahinter lief aber noch eher unstrukturiert. Um auch ohne dichtes Filialnetz intensiv mit den Kunden kommunizieren und den Online-Shop voranbringen zu können, setzen Oliver Gradwohl und Julia Bader-Gradwohl seither ganz auf Social Media.
2024 stieß man nach einer Empfehlung auf die Social-Media-Agentur Contentreich, die ebenfalls von einem Geschwisterpaar geführt wird – Julia und Clemens Trenker. Zu Beginn der Zusammenarbeit war Gradwohl auf Social Media zwar schon aktiv, aber noch ohne klare Strategie: wenig Video-Content, rund 1.300 Follower, geringe Reichweite – trotz großen Potenzials. Ziel war es, mehr Sichtbarkeit für das Bäckerhandwerk zu schaffen, eine aktive Community aufzubauen, neue Zielgruppen zu erreichen und den Online-Shop zu stärken – durch authentisches Storytelling. „Dafür haben wir gemeinsam eine Content-Strategie entwickelt, die auf regelmäßige Einblicke in die Backstube, die Menschen hinter dem Betrieb und unterhaltsame Formate setzt. Ein strukturierter Workflow mit monatlichen Drehtagen und laufender Content-Produktion sorgt seither für kontinuierliche Sichtbarkeit und Wachstum“, erklärt Clemens Trenker.
Die Videoclips geben nicht nur Einblicke in die Backstube und die tägliche Arbeit – sie informieren auch über Herkunft, Zutaten und Herstellungsweisen der Gradwohl-Produkte sowie über Ernährung ganz allgemein. Aktionen und saisonale Angebote finden rasch Verbreitung, und auch die Umstrukturierung selbst wird laufend begleitet. Das Konzept ist voll aufgegangen, wie einem Post von Contentreich auf Facebook vom 24. April zu entnehmen ist: Die Bäckerei Gradwohl hält heute bei mehr als 33.000 Followern auf Instagram, über 20.000 auf Facebook, mehr als 14.000 auf TikTok – und bei über 11,35 Millionen Views.
Der Versand läuft, das Kipferl auch
Die Social-Media-Aktivitäten schlagen sich spürbar in den Online-Shop-Bestellungen nieder. Nach vielen viralen Videos haben sich die Bestellungen laufend verdoppelt. Vermehrt kamen auch Anfragen aus Deutschland – weshalb Gradwohl seit 1. April den Shop auf das Nachbarland ausgedehnt hat.
Geliefert werden die Backwaren vorgebacken; sie lassen sich in wenigen Minuten im normalen Küchenherd fertig backen. Versandpartner ist die Post, die Zustellung innerhalb Österreichs wird in 24 bis 48 Stunden garantiert – nach Deutschland sind es rund drei Tage. Die Auswahl ist reichhaltig. Zu den Bestsellern zählen die Klassiker: Semmel, Kornspitz, mürbes Kipferl, Topfengolatsche, Gugelhupf und Dinkelbrot. Nudeln, Cracker, Marmeladen, Honig, Mehl und Tee runden das Sortiment ab. Gradwohl-Produkte finden sich auch in einigen Supermärkten im Burgenland sowie in Wien in ausgewählten Reformhäusern und Spar-Gourmet-Filialen.
Steinmühle trifft TikTok
Die Bio-Vollwertbäckerei Gradwohl ist nach der Umstrukturierung wieder zukunftsfit aufgestellt – und hat den Spagat zwischen traditionellen Werten und moderner Vermarktung geschafft.
So wie bei Opa Johann und Papa Peter wird in Weppersdorf das Vollkorngetreide in der hauseigenen Steinmühle gemahlen. 95 Prozent der Backwaren entstehen aus Dinkelmehl; aber auch Roggen-, Hafer-, Hirse-, Amarant- und Pharaonenmehle werden zu vollwertigem Brot und Gebäck verarbeitet. Der Betrieb ist biozertifiziert, die Rohstoffe stammen, wo immer möglich, aus biologischer Landwirtschaft von regionalen Partnern. Seit Kurzem ist die Bäckerei Gradwohl auch aktives Mitglied der Slow-Food-Bewegung.
Oliver Gradwohl setzt in der Backstube auf traditionelle Handarbeit. Maschinen kommen dort zum Einsatz, wo es die Hand nicht besser kann – etwa beim Kneten der Teige. Sauerteig und lange Teigführungen gehören zur täglichen Praxis. Für die Gradwohls ist dieses handwerkliche Arbeiten eine bewusste Entscheidung: eine klare Abgrenzung von industrieller Massenproduktion.
Seit zwei Jahren werden auch wieder Backkurse angeboten – so wie schon Johann und Peter Gradwohl sie veranstaltet haben. 15 Kurse pro Jahr stehen im Programm, die Nachfrage ist groß.
Bio-Vollwertbäckerei Gradwohl GmbH
Bäckerstraße 1
7331 Weppersdorf
www.gradwohl.info
Agentur: Contentreich
www.contentreich.com








