Lehrlingsförderung gekürzt: Das trifft jeden zweiten Bäcker- und Konditor-Betrieb
Beim vierteljährlichen Pressegespräch am 8. Juli 2026 präsentierten Manfred Denk, Obmann der Bundessparte Gewerbe und Handwerk in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), und Christina Enichlmair von der KMU Forschung Austria die aktuelle Konjunkturbeobachtung für Gewerbe und Handwerk. Neben nüchternen Wirtschaftszahlen stand vor allem ein Thema im Fokus, das Ausbildungsbetriebe unmittelbar betrifft: die Neuregelung der Basisförderung für Lehrlinge.
Wirtschaft tritt auf der Stelle
Die Hoffnung auf einen konjunkturellen Aufschwung, die sich Anfang 2026 noch abzeichnete, hat sich zerschlagen. Nahost-Konflikt, hohe Energiepreise und anziehende Inflation haben die positive Entwicklung ausgebremst. „Die aktuellen Konjunkturdaten bestätigen leider, was viele unserer Betriebe im Alltag spüren. Wir kommen nicht vom Fleck“, so Denk.
Konkret bedeutet das laut KMU Forschung Austria: Für Bäcker und Konditoren zeigt sich dabei ein differenzierteres Bild als im Branchenschnitt. Die Umsätze der Bäcker sanken im ersten Quartal 2026 nominell um 0,4 Prozent, real (nach einer Preissteigerung von 2,4 %) um 2,7 Prozent – 29 Prozent der Betriebe konnten sogar zulegen, 36 Prozent verzeichneten Rückgänge. Bei den Konditoren fiel die Entwicklung deutlicher aus: Hier gingen die Umsätze nominell um 1,7 Prozent zurück, real sogar um 4,5 Prozent, bei nur 13 Prozent der Betriebe mit Steigerungen und 40 Prozent mit Rückgängen. Damit liegen beide Sparten zwar besser als der Gesamtschnitt von Gewerbe und Handwerk (nominell -2,1 %, real -4,6 %), doch während sich die Lage bei den Bäckern im Jahresvergleich sogar leicht verschlechtert hat (Vorjahreszeitraum: +1,5 %), hat sich der Rückgang bei den Konditoren gegenüber dem Vorjahr noch verstärkt (Vorjahreszeitraum: -0,4 %).
Geschäftsklima weiterhin im Minus
Auch das zweite Quartal 2026 bringt keine Trendwende: 22 Prozent der Betriebe sprechen von guter, 30 Prozent von schlechter Geschäftslage, 48 Prozent von einer saisonüblichen. Der Saldo liegt bei minus 8 Prozentpunkten, nach minus 12 im Vorquartal – eine leichte Entspannung also. „Die Lage ist heterogen, insgesamt aber ohne erkennbare Dynamik. Besonders in den konsumnahen Branchen spüren wir die Kaufkraftzurückhaltung der Haushalte, während im Baubereich nach wie vor die notwendige Investitionsdynamik fehlt“, ordnete Enichlmair die Zahlen ein.
Innerhalb der konsumnahen Branchen – zu denen auch das Lebensmittelgewerbe zählt – verzeichnete keine einzige Sparte einen positiven Umsatz-Saldo im zweiten Quartal. Manche Branchen konnten sich gegenüber dem Vorjahr aber immerhin verbessern: die Fahrzeugtechnik (Saldo -1 Punkt, im Jahresvergleich +5), Friseure (-6 Punkte, +7) und Mechatroniker (-20 Punkte, +8). Verschärft hat sich die Lage dagegen bei Fußpflegern, Kosmetikern und Masseuren (-19 Punkte, im Jahresvergleich -11), bei Personaldienstleistern und dem Sicherheitsgewerbe (-17 Punkte, -3) sowie im Kunsthandwerk (-10 Punkte, -18).
Bei den investitionsgüternahen Branchen zeigt sich ein uneinheitliches Bild: Auftragsbestand-Zuwächse gab es bei Hafnern, Platten- und Fliesenlegern sowie Keramikern (+10,1 %), im Baugewerbe (+8,0 %), bei Chemischen Gewerben sowie Denkmal-, Fassaden- und Gebäudereinigern (+4,7 %) und bei Metalltechnikern (+4,2 %). Deutliche Einbußen mussten dagegen Kunststoffverarbeiter (-15,3 %), das Bauhilfsgewerbe (-14,9 %) und der Holzbau (-11,5 %) hinnehmen.
Erwartungen trüben sich weiter ein
Auch der Blick nach vorne fällt verhalten aus: Für das dritte Quartal 2026 rechnen nur 16 Prozent der Betriebe mit einer Verbesserung, 57 Prozent erwarten keine Veränderung, 27 Prozent einen Rückgang. Der Erwartungssaldo liegt damit bei minus 11 Prozentpunkten – schlechter als im Vorquartal (-6), aber etwa auf Vorjahresniveau. Investitionsgüternahe Branchen sind mit einem Saldo von minus 15 Punkten deutlich pessimistischer gestimmt als konsumnahe Branchen mit minus 5 Punkten.
„Wir können uns nicht darauf verlassen und abwarten, dass die Krisen von selbst verschwinden. Österreich und Europa müssen sich ihrer Stärken besinnen, statt sich ständig selbst zu fesseln“, appellierte Denk und nannte als Hebel unter anderem mehr Energieunabhängigkeit – vom Ausbau der Erneuerbaren über grünen Wasserstoff und Geothermie bis zur Nutzung heimischer Gasvorkommen als Brückentechnologie. Betriebe im Gewerbe und Handwerk könnten dabei als „Motoren und praktische Umsetzer der Klima- und Energiewende“ profitieren.
Bürokratie: zwei Schritte vor, eineinhalb zurück
Beim Bürokratieabbau seien der Bundesregierung durchaus Fortschritte gelungen, räumte Denk ein. Diese drohten aber an anderer Stelle wieder zunichtegemacht zu werden – etwa durch die überkomplizierte Mehrwertsteuersenkung für Grundnahrungsmittel oder das geplante Bürokratie-Ungetüm zur EU-Lohntransparenz-Richtlinie. „Auf zwei Schritte vorwärts folgen eineinhalb zurück. Diese Selbstfesselung muss ein Ende haben, wenn wir weiterkommen wollen“, so Denk. Er fordert einen raschen One-Stop-Shop für Bau- und Genehmigungsverfahren, um das „Behörden-Pingpong“ zu beenden, und sieht dafür aus Niederösterreich positive Signale: „Jetzt ist die Reformpartnerschaft gefragt, rasch Resultate zu liefern.“
Als „Stimmungsaufheller“ bezeichnete Denk die ab 2028 wirksame Senkung der Lohnnebenkosten – aus seiner Sicht ein großer interessenpolitischer Erfolg der Wirtschaftskammer. Gewerbe und Handwerk als größte Arbeitgebersparte sollen davon mit rund 400 Millionen Euro pro Jahr am stärksten profitieren. „Das ist mehr als ein Hoffnungsschimmer am Horizont. Davon darf man sich schon einen Schub für Investitionen, Beschäftigung und Wachstum erwarten.“
Lehrlingsförderung: Warum die Kürzung viele kleine Betriebe hart trifft
Für Ausbildungsbetriebe – auch in Bäckerei und Konditorei – bringt das laufende Jahr eine einschneidende Änderung: Für alle Lehrjahre, die ab dem 1. Juli 2026 enden, sinkt die Basisförderung auf 75 Prozent der bisherigen Berechnungsgrundlage. Bislang galt: drei kollektivvertragliche Bruttolehrlingseinkommen im ersten Lehrjahr, zwei im zweiten, je eines im dritten und vierten. Eine Ausnahme gibt es: Pro Ausbildungsbetrieb und Kalenderjahr wird ein selbst gewählter Lehrling weiterhin zu 100 Prozent der bisherigen Grundlage gefördert.
Genau an diesem Punkt setzt Denks Kritik an. „Knapp 50 Prozent der Betriebe bilden nur einen Lehrling aus“, gibt er zu bedenken. Das heißt im Umkehrschluss: Mehr als die Hälfte aller Ausbildungsbetriebe – darunter viele kleinere Bäckereien und Konditoreien – trifft die Kürzung bereits ab dem zweiten Lehrling, obwohl sie ohnehin oft schon am Limit ihrer Ausbildungskapazität arbeiten. Denk sieht hier die falschen Prioritäten gesetzt.
Zusätzlich brisant wird die Kürzung durch den zeitlichen Zusammenhang mit einer Wortmeldung von AK-Präsidentin Renate Anderl, auf die Denk mit Unverständnis reagierte: „Gerade an jenem Tag, an dem die staatliche Unterstützung für Ausbildungsbetriebe um ein Viertel gekürzt wird, ist die Rede von ‚großzügigen Lehrlingsförderungen‘ aus unserer Sicht schwer nachvollziehbar.“
„Wer sorgt also dafür, dass die Lehre für junge Menschen attraktiv bleibt – und wer versucht, sich aus der Verantwortung zu stehlen?“
— Manfred Denk, Obmann der Bundessparte Gewerbe und Handwerk
Denk untermauert seine Position mit Zahlen: Die von den Betrieben bezahlten Lehrlingseinkommen sind seit 2023 je nach Lehrberuf um 19 bis 35 Prozent gestiegen – deutlich mehr als die Inflation. Die staatliche Förderung dagegen blieb im selben Zeitraum unverändert, weil sie gedeckelt und nicht an die Inflation angepasst ist. „Unsere Hand ist ausgestreckt, aber wir wollen ein klares Bekenntnis zur Lehre. Unsere Betriebe investieren 2,5 bis 3 Milliarden Euro pro Jahr, um jungen Menschen eine solide Ausbildung und sichere berufliche Zukunft zu bieten. Das verdient Respekt, Wertschätzung und Unterstützung. Das permanente Schlechtreden muss endlich ein Ende haben.“ Untermauert wird das auch durch eine Umfrage von AK und ÖGB, in der Lehrlinge ihre Ausbildungsbetriebe im Schnitt mit der Note 2,2 bewerten. „Ein gutes Gut!“, kommentiert Denk das Ergebnis.
Er verweist zudem auf den Antrag „Lehre stärken – Fachkräfte sichern, Ausbildung modernisieren“, den er im Wirtschaftsparlament der WKÖ eingebracht hat. „Dieser Antrag wurde von allen politischen Fraktionen einstimmig angenommen. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass Österreich jene Fachkräfte erhält, die wir so dringend brauchen. Denn wer heute bei der Lehre spart, zahlt morgen doppelt und dreifach drauf“, so Denk abschließend.
Lehrstellen-Ungleichgewicht: Überangebot im Westen, Engpass in Wien
Ein regionaler Blick auf den Lehrstellenmarkt zeigt ein deutliches West-Ost-Gefälle. Laut Denk gibt es österreichweit rund 2.000 mehr Lehrstellen als Lehrstellensuchende – das Problem liegt also weniger in der Gesamtzahl als in der Verteilung: In Wien fehlen Lehrstellen, während im Westen Österreichs ein spürbares Überangebot besteht. Auch aktuelle Zahlen des AMS untermauern diese Schieflage: In der Region West (Oberösterreich, Salzburg, Tirol, Vorarlberg) übersteigt das Angebot an offenen Lehrstellen die Zahl der Suchenden – etwa in Tirol, wo den 410 Lehrstellensuchenden 1.140 gemeldete offene Lehrstellen gegenüberstehen.
In Wien dagegen kommen laut AMS-Prognose für 2026 rechnerisch rund sechs Ausbildungssuchende auf eine gemeldete offene Lehrstelle; die sogenannte Suchquote liegt dort bei rund 20,6 Prozent und damit mehr als doppelt so hoch wie im Österreich-Schnitt von 9,2 Prozent. Für Denk führt an einer Konsequenz kein Weg vorbei: Junge Menschen müssten mobiler werden, um freie Lehrstellen und Lehrstellensuchende regional besser zusammenzubringen.
Die Eckdaten im Überblick
- Auftragseingänge/Umsätze Q1 2026: nominell -2,1 %, real -4,6 % (Preisentwicklung: +2,6 %); 24 % Steigerungen, 33 % Rückgänge, 43 % auf Vorjahresniveau
- Geschäftslage Q2 2026: 22 % gut, 30 % schlecht, 48 % saisonüblich – Saldo -8 Prozentpunkte (Vorquartal: -12)
- Auftragsbestand investitionsgüternahe Branchen: Zuwächse u. a. bei Hafnern/Platten-/Fliesenlegern (+10,1 %), Baugewerbe (+8,0 %), Chemischen Gewerben/Denkmal-/Fassaden-/Gebäudereinigern (+4,7 %), Metalltechnikern (+4,2 %); Rückgänge bei Kunststoffverarbeitern (-15,3 %), Bauhilfsgewerbe (-14,9 %), Holzbau (-11,5 %)
- Umsatzentwicklung konsumnahe Branchen Q2 2026: keine Branche mit positivem Saldo; Gesamtsaldo -10 Prozentpunkte
- Erwartung Q3 2026: 16 % Steigerung, 57 % keine Veränderung, 27 % Rückgang – Saldo -11 Prozentpunkte (investitionsgüternah: -15, konsumnah: -5)
- Basisförderung Lehre: ab Lehrjahresende 1.7.2026 nur mehr 75 % der bisherigen Grundlage – ausgenommen ein Lehrling pro Betrieb (100 %)
- Rund 50 % der Betriebe bilden nur einen Lehrling aus
- Lehrlingseinkommen seit 2023: +19 bis +35 % je nach Lehrberuf
- Investitionen der Betriebe in Lehrlingsausbildung: 2,5 bis 3 Mrd. Euro pro Jahr
- Zufriedenheit der Lehrlinge (AK/ÖGB-Umfrage): Durchschnittsnote 2,2
- Österreichweit laut WKÖ ca. 2.000 mehr Lehrstellen als Lehrstellensuchende – regional jedoch stark unausgewogen (Engpass in Wien, Überangebot im Westen)
- Lohnnebenkostensenkung ab 2028: rund 400 Mio. Euro Entlastung pro Jahr für Gewerbe und Handwerk
Quellen: WKÖ-Pressegespräch der Bundessparte Gewerbe und Handwerk mit KMU Forschung Austria, 8. Juli 2026; OTS-Aussendung PWK334/HSP; Konjunkturbeobachtung Gewerbe und Handwerk (KMU Forschung Austria); Basisförderung für Lehrbetriebe, Lehre.Fördern-Online-Service (Stand 06.07.2026); AMS/Synthesis Forschung: Lehrlingsausbildung – Vorschau auf Angebot und Nachfrage 2026 (Stand März 2026)

