Österreichs Zuckerrübenfläche hat sich innerhalb von zwei Jahren mehr als halbiert. Die Agrarmarkt Austria weist auf Basis der Mehrfachanträge für 2024 noch 43.432 Hektar und für 2025 rund 25.000 Hektar aus. Mit Stand 16. Juli 2026 waren es 20.900 Hektar. Dazu kommt heuer ein schwacher Ertrag. Die Landwirtschaftskammer Niederösterreich schätzte ihn am 2. November auf 54 Tonnen je Hektar, nach 79 Tonnen im Vorjahr.

Wie beim Brotgetreide entwickeln sich Erntemenge und Rohstoffqualität unterschiedlich. Der bei der Rübenübernahme bisher gemessene Zuckergehalt liegt mit durchschnittlich 17,8 Prozent über dem Vorjahresniveau. Wie viel Zucker AGRANA aus der laufenden Kampagne gewinnt, steht erst nach ihrem Abschluss fest.

Reicht der Zucker aus Tulln für Österreich?

Das Wirtschaftsmagazin trend nennt für die laufende Kampagne rund 200.000 Tonnen Zucker aus dem AGRANA-Werk in Tulln und schreibt: „Österreich kann seinen Zuckerbedarf erstmals nicht selbst decken.“

Mit den derzeit verfügbaren Zahlen können wir diese Aussage weder bestätigen noch widerlegen. Die uns vorliegenden AGRANA-Aussendungen nennen keine Produktionsprognose für Tulln und geben keine Auskunft darüber, welche Mengen aus österreichischen Rüben für heimische Abnehmer vorgesehen sind. Statistik Austria weist in der Zuckerbilanz 2024/25 einen Nahrungsverbrauch von 246.182 Tonnen aus. Die gesamte Inlandsverwendung und den Selbstversorgungsgrad veröffentlicht die Behörde aus Datenschutzgründen nicht. Zudem stammt der amtliche Verbrauchswert aus einem anderen Wirtschaftsjahr als die Produktionsprognose für Tulln.

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Österreich hat auch in früheren Jahren Zucker importiert. Für 2024/25 verzeichnet Statistik Austria 232.647 Tonnen Einfuhr als Zucker und 201.408 Tonnen Ausfuhr in derselben Kategorie. Zucker in ein- und ausgeführten Lebensmitteln erfasst die Statistik gesondert. Ob die heimische Produktion heuer erstmals unter dem österreichischen Bedarf liegt, bleibt (noch) offen.

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Warum AGRANA die Produktion in Tulln bündelt

Am 12. März 2025 beschloss der AGRANA-Aufsichtsrat, die Zuckerproduktion in Leopoldsdorf im Marchfeld und im tschechischen Hrušovany einzustellen. Der Konzern begründete den Schritt unter anderem mit steigenden Produktionskosten, stärkerem Wettbewerb und regulatorischen Vorgaben. Im Geschäftsbericht 2025/26 nennt AGRANA Rumänien als Beispiel für den Preisdruck. Zuckerimporte aus der Ukraine hätten dort in einem wichtigen Absatzmarkt des Konzerns zu einem Rückgang bei Absatzmengen und Preisen geführt.

Seit dem Produktionsaus in Leopoldsdorf ist Tulln Österreichs einziges Zuckerwerk. Nach Angaben des Landes Niederösterreich plant AGRANA, Leopoldsdorf weiterhin als Zucker-Logistikstandort zu führen. Für die heimische Erzeugung kommt es damit auf die Verarbeitung in Tulln und auf die Rübenmenge an, die das Werk übernehmen kann.

Das Zuckersegment schreibt weiter Verluste

Laut AGRANA-Jahresbilanz sank der Umsatz im konzernweiten Zuckersegment im Geschäftsjahr 2025/26 um 32 Prozent auf 570,6 Millionen Euro. Das Ergebnis der Betriebstätigkeit (EBIT) fiel von minus 75,4 auf minus 106,5 Millionen Euro. Darin enthalten waren unter anderem Wertminderungen von 46 Millionen Euro sowie 13,7 Millionen Euro an Aufwendungen im Zusammenhang mit den beiden Werksschließungen. Gleichzeitig verringerte sich der operative Verlust von 48,9 auf 30,6 Millionen Euro. Die Zahlen beziehen sich auf das gesamte Zuckersegment. Ein eigenes Ergebnis für Leopoldsdorf weist AGRANA in der Aussendung nicht aus.

AGRANA sucht wieder mehr Rübenfläche

Ende 2025 einigten sich AGRANA und der Rübenbauernbund auf Anbaukonditionen für drei Jahre und ein neues Preismodell. Für 2027 nennt die Landwirtschaftskammer Niederösterreich mit Stand 2. November ein Ziel von 25.000 Hektar konventionellen und 1.000 Hektar Bio-Zuckerrüben. Die Verträge für den nächsten Anbau werden bereits abgeschlossen. Wie viel Fläche tatsächlich zusammenkommt, ist noch offen.

Die AMA-Zahlen zeigen, wie stark der Anbau zurückgegangen ist. Aus ihnen geht jedoch nicht hervor, welche Flächen AGRANA den Betrieben angeboten hat und wie viele Landwirte sich zu den jeweiligen Konditionen für oder gegen den Rübenanbau entschieden haben. Für die Zukunft des Anbaus ist diese Unterscheidung wesentlich. Die Raiffeisen-Holding Niederösterreich-Wien und die Rübenproduzenten Beteiligungs GesmbH sind laut AGRANA-Aktionärsstruktur mittelbar am Konzern beteiligt.

Mit esarom will AGRANA bei Rezepturen wachsen

Parallel dazu baut AGRANA das Geschäft mit kundenspezifischen Zutaten und Rezepturen aus. Der Konzern will den österreichischen Aromenhersteller esarom übernehmen, der unter anderem Aromen, Getränkebasen und funktionale Rezepturen für die Lebensmittel- und Getränkeindustrie entwickelt. AGRANA beziffert den vereinbarten Unternehmenswert auf rund 150 Millionen Euro. Laut Verkäuferberatung wurde der Anteilskaufvertrag am 9. September 2026 unterzeichnet. Der geplante Erwerb wurde am 23. Oktober bei der Bundeswettbewerbsbehörde angemeldet. Der Abschluss steht laut AGRANA unter dem Vorbehalt der erforderlichen kartellrechtlichen Freigaben.

Wie viel Zucker aus Österreich ist verfügbar?

Für Bäckereien, Konditoreien und Lebensmittelhersteller, die gezielt heimische Zutaten einkaufen, zählt neben der Liefermenge die Herkunft des Rohstoffs. Die erwartete Produktionsmenge in Tulln allein sagt noch nichts darüber aus, wie viel Zucker aus österreichischen Rüben für heimische Betriebe verfügbar sein wird.

Die ÖBKZ bleibt dran. Wir wollen klären, mit welcher Zuckerproduktion AGRANA für Tulln rechnet, welche Mengen aus österreichischen Rüben für heimische Abnehmer vorgesehen sind und auf welcher Datengrundlage der trend von einem „erstmals“ spricht.