Debatte um Zuckersteuer: Prävention statt Abgabe
Eine mögliche Zuckersteuer sorgt in Österreich erneut für Diskussionen. Das forum. ernährung heute (f.eh) stellt sich klar gegen eine solche Abgabe und fordert stattdessen mehr Ernährungs- und Verbraucherbildung sowie gezielte Präventionsmaßnahmen. Nach Einschätzung der Organisation greift die Konzentration auf Zucker als einzelnen Nährstoff zu kurz, wenn damit Übergewicht und Adipositas bekämpft werden sollen.
„Es braucht endlich eine umfassende Ernährungs- und Verbraucherbildung in Schulen. Eine Zuckersteuer ist eine Alibiaktion, die dieses Versäumnis eingesteht“, sagt Marlies Gruber, Geschäftsführerin des f.eh. Sie verweist darauf, dass internationale Erfahrungen zwar Veränderungen beim Kaufverhalten und bei Produktrezepturen zeigen, deutlich weniger eindeutig sei jedoch der langfristige gesundheitliche Effekt.
Großbritannien als häufig genanntes Beispiel
Ein zentraler Bezugspunkt in der Debatte ist Großbritannien. Dort wurde 2018 die gestaffelte Soft Drinks Industry Levy eingeführt. Die Abgabe führte dazu, dass Hersteller Rezepturen veränderten und der Zuckergehalt zahlreicher Getränke sank.
Nach den vom f.eh angeführten Evaluierungen verringerte sich die tägliche Zuckeraufnahme aus Softdrinks bei Kindern um rund drei Gramm und bei Erwachsenen um etwa fünf Gramm. Das entspricht ungefähr zwölf beziehungsweise 21 Kilokalorien und damit nur rund einem Prozent des täglichen Energiebedarfs.
Für das f.eh ist das ein Hinweis darauf, dass eine geringere Zuckeraufnahme aus Getränken nicht automatisch mit einem relevanten Rückgang von Übergewicht und Adipositas gleichgesetzt werden kann.
Weniger Zucker bedeutet nicht automatisch weniger Kalorien
Das f.eh warnt davor, die gesundheitspolitische Debatte auf einen einzelnen Nährstoff zu reduzieren. Übergewicht und Adipositas entstehen langfristig durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren.
Neben der gesamten Energieaufnahme spielen unter anderem Bewegung, Portionsgrößen, Schlaf, Stress, soziale und ökonomische Bedingungen sowie genetische und Umweltfaktoren eine Rolle. Zucker trägt wie andere energieliefernde Nährstoffe zur Energieaufnahme bei, ist aber nur ein Teil dieses Gesamtbildes.
„Adipositas ist keine Krankheit, die sich an der Supermarktkasse besteuern lässt“, sagt Gruber. Aus ihrer Sicht entsteht ein falscher Eindruck, wenn Zucker als zentraler Hebel eines multifaktoriellen Problems dargestellt wird.
Portionsgrößen als zusätzlicher Ansatz
Neben veränderten Rezepturen sieht das f.eh vor allem kleinere Portions- und Gebindegrößen als alltagstauglichen Ansatz. Damit wird nicht ein einzelner Inhaltsstoff isoliert betrachtet, sondern unmittelbar an der aufgenommenen Energiemenge angesetzt.
Gerade für Lebensmittelhersteller und das Lebensmittelhandwerk ist dieser Aspekt relevant. Rezepturen werden laufend verändert, gleichzeitig gewinnen Portionsgrößen, Produktpositionierung und Konsumgewohnheiten in der gesundheitspolitischen Diskussion an Bedeutung.
Das f.eh betont, dass österreichische Unternehmen den Zuckeranteil in Lebensmitteln und Getränken bereits kontinuierlich anpassen. Eine zusätzliche Steuer sei deshalb aus Sicht der Organisation kein Ersatz für langfristige Bildungs- und Präventionsmaßnahmen.
Kaufverhalten und Gesundheit sind nicht dasselbe
Dass höhere Preise das Kaufverhalten verändern können, stellt auch das f.eh nicht grundsätzlich infrage. Eine sogenannte Lenkungssteuer kann dazu führen, dass Konsumenten weniger stark besteuerte Produkte kaufen oder auf andere Angebote ausweichen.
Offen bleibt jedoch, ob daraus langfristig eine günstigere Ernährung, eine relevante Verringerung der Gesamtenergieaufnahme und letztlich eine niedrigere Adipositas-Prävalenz entstehen.
Hinzu kommt nach Angaben des f.eh, dass der Konsum zuckergesüßter Getränke innerhalb der Bevölkerung sehr unterschiedlich verteilt ist. Eine allgemeine Abgabe würde damit auch Personen betreffen, die solche Produkte nur selten oder in geringen Mengen konsumieren.
Unterschiedliche Effekte bei Kindern
Auch Studien zu Kindern und Jugendlichen liefern nach Darstellung des f.eh kein einheitliches Bild. In einer Untersuchung aus England wurde 19 Monate nach Einführung der Abgabe bei zehn- bis elfjährigen Mädchen ein Rückgang der Adipositas-Prävalenz gegenüber dem erwarteten Trend festgestellt.
Besonders deutlich war dieser Effekt in sozial stark benachteiligten Gebieten. Bei anderen Altersgruppen und bei Buben konnte ein vergleichbarer Zusammenhang jedoch nicht nachgewiesen werden.
Für Gruber lässt sich daraus kein allgemeiner Beleg ableiten, dass eine Zuckersteuer das Problem von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen lösen könne. Entscheidend sei vielmehr, unterschiedliche Einflussfaktoren gemeinsam zu betrachten.
f.eh fordert gezielte Prävention
Ess- und Bewegungsgewohnheiten werden bereits in jungen Jahren geprägt. Familie, Bildung, Alltagsstrukturen, Bewegungsmöglichkeiten und sozioökonomische Voraussetzungen haben dabei wesentlichen Einfluss.
Das f.eh fordert deshalb, gesundheitspolitische Maßnahmen stärker auf jene Gruppen auszurichten, bei denen das Risiko besonders hoch ist. Im Mittelpunkt sollten aus Sicht der Organisation Ernährungs- und Verbraucherbildung in Schulen sowie gezielte Präventionsprogramme stehen.
Für die Lebensmittelwirtschaft dürfte die Diskussion damit weitergehen. Die entscheidende Frage bleibt, ob politische Maßnahmen primär über Preise und Abgaben steuern sollen oder stärker bei Bildung, Konsumverhalten und den Lebensbedingungen besonders gefährdeter Gruppen ansetzen.

