Kaffee, Mascarpone, Kakao – eigentlich ist am Tiramisù nichts neu. Und gerade darin könnte das Erfolgsgeheimnis liegen. 2026 erlebt der italienische Dessertklassiker international einen bemerkenswerten Boom. Für österreichische Bäcker und Konditoren ist dabei weniger interessant, dass plötzlich wieder mehr Tiramisù gegessen wird. Spannend ist, was inzwischen aus diesem vertrauten Geschmacksprofil entsteht.
Denn Tiramisù ist längst nicht mehr nur das Dessert in der rechteckigen Form oder im Glas. Croissants, Brownies, Eis, Buns und Kaffeegetränke greifen die Kombination aus Kaffee, Creme und Kakao auf. Dazu kommen Pistazie, Biscoff, Schokolade oder andere moderne Varianten. Aus einem Klassiker wird damit eine Geschmackswelt – und genau das macht den Trend für das Handwerk interessant.

Zahlen bestätigen den Boom

Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung derzeit in Großbritannien. Nach Recherchen des „Guardian“ stiegen die Tiramisù-Verkäufe bei M&S innerhalb eines Jahres um 27 Prozent. Tesco meldet für sein Eigenmarkensortiment ein Plus von fünf Prozent, bei einer Premiumvariante mit Kaffee und Amaretto waren es knapp zehn Prozent.
Wie groß die Neugier derzeit ist, zeigt auch ein Beispiel aus London. Als im Stadtteil Soho das auf Tiramisù spezialisierte Café Marrone eröffnete, waren die vorbereiteten Vorräte bereits nach zweieinhalb Stunden ausverkauft.
Das allein macht noch keinen langfristigen Trend. Doch Tiramisù taucht inzwischen in sehr unterschiedlichen Produktkategorien auf. Und genau das unterscheidet den gegenwärtigen Boom von einer kurzfristigen Renaissance des klassischen Desserts.

Ein Geschmack wird zur Produktidee

Für Bäckereien und Konditoreien liegt hier die eigentliche Chance. Ein Produkt muss nicht wie Tiramisù aussehen, um als Tiramisù wahrgenommen zu werden. Espresso beziehungsweise Kaffee, eine helle cremige Komponente und Kakao reichen häufig aus, um sofort die entsprechende Assoziation zu erzeugen.
Damit lässt sich das Aromaprofil vergleichsweise einfach auf bestehende Produkte übertragen: etwa auf Croissants und Plunder, gefüllte Krapfen, Schnitten, Tartelettes, Buns, Desserts im Glas oder kleine Törtchen. Selbst ein passendes Kaffeegetränk kann Teil des Konzepts werden.
Das passt zu einer Entwicklung, die sich in der Patisserie 2026 ohnehin abzeichnet. Kleine, hochwertige Genussportionen sind gefragt, ebenso das Spiel unterschiedlicher Texturen und vor allem cremige Füllungen. Tiramisù bringt vieles davon bereits mit.

Klassiker mit neuem Dreh

Auch aktuelle Social-Media-Daten stützen diese Entwicklung. Tastewise beobachtet für 2026 in den USA eine besonders hohe Dynamik bei bekannten Desserts, die mit neuen Geschmacksrichtungen oder Formaten kombiniert werden. Ein Beispiel ist Biscoff-Tiramisù: Laut Tastewise legte die Variante in den ausgewerteten Social-Media-Daten um 50 Prozent zu.
Gerade dieses Prinzip ist für das Handwerk interessant. Der bekannte Name gibt Orientierung, während eine zusätzliche Zutat oder eine neue Form genügend Neuigkeitswert schafft. Neben Biscoff bietet sich etwa Pistazie an – ein Geschmack, der sich bereits in zahlreichen Back- und Patisserieprodukten etabliert hat.
Für österreichische Betriebe heißt das nicht, jedem viralen Produkt hinterherzulaufen. Interessanter ist die Mechanik dahinter: Ein vertrauter Klassiker wird leicht verändert, bleibt aber sofort verständlich.

Besonders trendy: Biscoff-Tiramisù sorgt auf Instagram und TikTok für Aufmerksamkeit. © Maya Hussain / Unsplash
Besonders trendy: Biscoff-Tiramisù sorgt auf Instagram und TikTok für Aufmerksamkeit. © Maya Hussain / Unsplash

Wie gemacht für Social Media

Tiramisù besitzt noch einen weiteren Vorteil. Das Dessert bringt von Natur aus vieles mit, was auf Instagram und TikTok funktioniert: sichtbare Schichten, Creme, Kakao und den Moment des Anschneidens oder Auslöffelns.
International kursieren inzwischen sogar Videos von sogenannten „Tiramisù Drawers“, bei denen große Dessertformen aus gekühlten Schubladen gezogen und direkt portioniert werden. Auch spezialisierte Tiramisù-Shops und ungewöhnliche Verkaufsformen erzielen auf Social Media Aufmerksamkeit.
Für einen Handwerksbetrieb muss es nicht ganz so spektakulär sein. Schon das Füllen eines Croissants mit Mascarponecreme, das Bestäuben mit Kakao oder der Anschnitt eines geschichteten Desserts liefern starke Bilder für die eigene Kommunikation.

Vertraut – aber trotzdem neu

Dass Tiramisù gerade jetzt funktioniert, dürfte noch einen weiteren Grund haben. Das Dessert verbindet zwei scheinbar gegensätzliche Bedürfnisse: Vertrautheit und Neuheit. Kaffee, Kakao und Creme sind bekannt und leicht verständlich. Gleichzeitig lässt sich das Konzept immer wieder verändern.
Internationale Trendbeobachter sprechen in diesem Zusammenhang auch von „Little Treats“ – kleinen, leistbaren Genussmomenten. Statt einer großen Ausgabe gönnt man sich zwischendurch ein besonderes Croissant, ein hochwertiges Dessert oder einen guten Kaffee mit etwas Süßem dazu.
Für österreichische Bäcker und Konditoren könnte genau darin das interessanteste Potenzial des Tiramisù-Booms liegen. Es braucht keinen völlig neuen Produktionszweig und auch keine Kopie eines Londoner Trendcafés. Der stärkere Ansatz ist, einen weltweit bekannten Geschmack mit dem eigenen Handwerk zu verbinden.
Ein Tiramisù-Croissant, ein kleines Espresso-Mascarpone-Törtchen oder eine saisonale Pistazien- oder Biscoff-Variante können ausreichen, um einen internationalen Trend in die eigene Vitrine zu holen – und ihm dort eine eigene Handschrift zu geben.