Das Europäische Patentamt (EPA) gerät erneut unter Druck. Hintergrund ist ein Patent des deutschen Saatgutkonzerns KWS Saat auf Mais mit verbesserter Verdaulichkeit und erhöhter Kältetoleranz. Kritiker sehen darin einen massiven Eingriff in die traditionelle Pflanzenzüchtung und werfen dem EPA vor, bestehende Patentverbote systematisch zu umgehen.

Die internationale Allianz No Patents on Seeds! sowie die österreichische Organisation ARCHE NOAH haben Beschwerde gegen das Patent eingelegt. Ihrer Ansicht nach werden dabei Eigenschaften patentiert, die natürlicherweise in Pflanzen vorkommen und laut europäischem Recht gar nicht patentierbar sein dürften.

Kritik an Patenten auf klassische Züchtung

Im Zentrum der Debatte steht die Frage, ob konventionell gezüchtete Pflanzen künftig unter Patentschutz gestellt werden können. Das aktuelle KWS-Patent umfasst laut Kritikern nicht nur bestimmte Genvarianten, sondern auch die daraus gezüchteten Pflanzen, deren Ernte und sogar Futtermittel wie Silage.

Besonders problematisch sei, dass in den Patentschriften häufig Verfahren der Neuen Gentechnik erwähnt werden, obwohl die Pflanzen selbst aus klassischer Züchtung stammen. Dadurch entstehe laut Experten der Eindruck einer technischen Erfindung – ein entscheidender Punkt, weil Patente auf gentechnisch veränderte Pflanzen erlaubt sind.

„Die Industrie versucht, die Grenzen zwischen klassischer Züchtung und Gentechnik gezielt zu verwischen“, warnt Saatgutexperte Christoph Then von „Keine Patente auf Saatgut!“.

Folgen für Landwirtschaft und Lebensmittelpreise

Nach Einschätzung der Kritiker könnten derartige Patente weitreichende Folgen für Landwirtschaft, Züchtung und Lebensmittelproduktion haben. Bislang dürfen konventionell gezüchtete Sorten frei für neue Züchtungen verwendet werden. Durch Patente könnten künftig jedoch Lizenzgebühren anfallen.

Vor allem kleinere Zuchtbetriebe würden dadurch unter Druck geraten. Branchenbeobachter warnen davor, dass sich die Marktmacht weiter auf wenige internationale Konzerne konzentrieren könnte. Betroffen wären langfristig auch Lebensmittelpreise und die Verfügbarkeit biologischer Vielfalt in der Landwirtschaft.

Laut einem aktuellen Recherchebericht von „Keine Patente auf Saatgut!“ wurden allein 2025 rund 40 weitere Patentanmeldungen mit ähnlicher Reichweite veröffentlicht. Bereits 2022 hatte das EPA mehr als 20 Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen erteilt.

EU-Abstimmung zu Neuer Gentechnik im Fokus

Die Diskussion fällt in eine politisch sensible Phase. Im Zusammenhang mit der Regulierung der Neuen Gentechnik (NGT) hatte das EU-Parlament ursprünglich strengere Regeln gegen Patente auf Pflanzen gefordert. Im aktuellen Kompromisstext seien diese Verbote jedoch deutlich abgeschwächt worden.

Organisationen wie ARCHE NOAH appellieren deshalb an die EU-Abgeordneten, bei den bevorstehenden Abstimmungen im Umwelt­ausschuss und im EU-Parlament strengere Patentverbote durchzusetzen.

Kritiker sehen darin nicht nur eine Frage des Patentrechts, sondern auch der Ernährungssicherheit und der Unabhängigkeit der Landwirtschaft in Europa.

Das Hintergrundpapier zum KWS-Patent von ARCHE NOAH finden Sie hier:
https://www.arche-noah.at/KWS-Hintergrundpapier

Den aktuellen Recherchebericht von No Patents on Seeds! gibt es hier:
https://www.no-patents-on-seeds.org/de/bericht-2026