Mit dem Modell „Meister mit Matura“ setzt die Landesinnung ein klares Signal für die Zukunft des Lebensmittelhandwerks. Die neue Ausbildung verbindet Lehre, Matura und Meisterprüfung in einem durchgängigen System – und reagiert damit auf veränderte Bildungswege, steigende Anforderungen der Betriebe und die Erwartungen einer Generation, die Praxis und Perspektive gleichermaßen sucht.
Mit „Meister mit Matura“ reagiert die Landesinnung auf den tiefgreifenden Wandel der Arbeitswelt und auf die neuen Ansprüche der jungen Generation. Wie diese neue Ausbildungsschiene für das Lebensmittelgewerbe aufgebaut ist und welche Vorteile sie für Betriebe und Auszubildende bringt, berichten Thomas Hagmann, NÖ Landesinnungsmeister der Lebensmittelgewerbe, und Christian Heiss, Innungsmeister der NÖ Konditoren, im Gespräch mit der Österreichischen Bäcker- und Konditorzeitung.

Christian Heiss, Landesinnungsmeister der Konditoren Niederösterreichs:
„ Lehre und Matura schließen sich nicht aus, sie ergänzen sich perfekt.” © Maria Hollunder
ÖBKZ: Was ist das Ziel des Ausbildungsmodells „Meister mit Matura“?
Thomas Hagmann: „Die Betriebe des Lebensmittelgewerbes brauchen bestens ausgebildete Fachkräfte, junge Menschen suchen attraktive Berufe mit Perspektive. Mit dem Modell ,Meister mit Matura‘ können wir beides in Zukunft bedienen.“
Christian Heiss: „Ziel ist es zu zeigen, dass eine handwerkliche Lehre und eine fundierte Allgemeinbildung keine Gegensätze sind, sondern sich perfekt ergänzen. Das Modell kombiniert Praxisnähe mit weiterführender Bildung und ist eine Ausbildung mit Zukunft, die bis hin zum Studium offenbleibt.“
ÖBKZ: Warum ist „Meister mit Matura“ ein Zukunftsmodell?
Thomas Hagmann: „Die Arbeitswelt hat sich massiv verändert. War es bis vor wenigen Jahren keine Seltenheit, von der Lehre bis zur Pension in einer Firma tätig zu sein, so ist das heute nur mehr die Ausnahme. Ständige Weiterbildung, ja viel mehr lebenslanges Lernen ist notwendig, und dafür braucht es vom Start weg eine optimale Weichenstellung, einfach eine Ausbildung, die viele Richtungen offenlässt.“
Christian Heiss: „Unser bewährtes duales Ausbildungssystem bleibt dabei erhalten, wird aber modernisiert: Sechs Jahre lang verbinden Lehrlinge theoretische und praktische Ausbildung, um zu hoch qualifizierten Fachkräften zu werden, wie sie unsere Betriebe brauchen.“
ÖBKZ: Es gibt bereits die „Lehre mit Matura“. Warum braucht es jetzt einen „Meister mit Matura“?
Christian Heiss: „Die ‚Lehre mit Matura‘ scheitert zumeist daran, dass die Lehrlinge Vollzeit arbeiten und im Abendkurs die Matura machen müssen. Das ist fast nicht zu schaffen und kann man eigentlich von einem Jugendlichen auch nicht verlangen. Bei ,Meister mit Matura‘ gibt es einen fixen Ausbildungstag pro Woche, und zwar den Mittwoch. Der Lehrling ist vier Tage im Betrieb, einen Tag in der Schule. Es bleibt genügend Zeit, um zu lernen und auch für das Privatleben.“
Thomas Hagmann: „Es bleibt die Lehre mit allen gesetzlichen Rahmenbedingungen, Verträgen und Berufsschulzeiten praktisch unverändert, bis auf den Kurstag am Mittwoch im dritten Lehrjahr. Es gibt auch schon die Maturakurse am WIFI, bisher eben nur außerhalb und zusätzlich zur 40-Stunden-Arbeitszeit. Wir optimieren nur Bestehendes und fügen es zusammen zu einem neuen Paket, zum ,Meister mit Matura‘. Auch an den Auflösungsmöglichkeiten während der Lehrzeit und nach der Behaltefrist ändert sich nichts.“
ÖBKZ: Wie sieht der Ausbildungsplan konkret aus?
Christian Heiss: „Die Ausbildung umfasst sechs Jahre, also konkret drei Jahre Lehrzeit mit der Lehrabschlussprüfung und drei Jahre in der Gesellenzeit mit der Meisterprüfung als Abschluss. Der Maturakurs startet im dritten Lehrjahr und wird im ersten und zweiten Gesellenjahr fortgesetzt. Im dritten Gesellenjahr erfolgt die Vorbereitung zur Meisterprüfung. Kursort ist das WIFI in St. Pölten.“ Eine Lehre wird oft als zweite Wahl gesehen. Kann die neue Ausbildung das ändern?
ÖBKZ: Eine Lehre wird oft als zweite Wahl gesehen. Kann die neue Ausbildung das ändern?
Christian Heiss: „Die Lehre ist eigentlich eine super Ausbildungsform. Nur leider machen derzeit viele eine Lehre, weil sie die Schule nicht schaffen. Und dementsprechend viele schlechte Bewerbungen bekommen dann die Betriebe – nicht nur schlechte, aber zu viele. In unserem Fall startet der Jugendliche zwar auch mit einer Lehre, aber mit einer ganz neuen Perspektive. Er kann von Beginn an sagen: ‚Ich mach die Ausbildung zum Meister mit Matura‘, was nicht nur viel besser klingt, sondern auch ganz neue Möglichkeiten eröffnet.“
ÖBKZ: Muss man diesen Imagewandel nicht auch in den Köpfen der Eltern verankern?
Thomas Hagmann: „Wir müssen nicht nur die Betriebe und die Schüler abholen, sondern natürlich auch die Eltern. Viele verhindern eine Lehre, weil sie nicht wollen, dass sich ihre Kinder den Weg zum Studium verbauen. Beim Meister mit Matura verdient der Jugendliche von Beginn an, ist voll versichert, zahlt in seine Pensionsvorsorge ein, erlernt einen Beruf mit Zukunft und kann trotzdem danach jederzeit ein Studium beginnen.“
Christian Heiss: „Einen dermaßen gut ausgebildeten Mitarbeiter mit sechs Jahren Praxis mit Meisterprüfung und Matura werden die Betriebe sicher versuchen zu halten, oder er wird von anderen Betrieben abgeworben. Die Chancen, den Job zu behalten oder rasch einen neuen zu finden, sind nach dieser umfassenden Ausbildung also sehr hoch.“
ÖBKZ: Was kostet die Ausbildung die Lehrlinge und die Betriebe?
Thomas Hagmann: „Für den Arbeitgeber entstehen keine Mehrkosten. Für den Ausfall des Lehrlings am Mittwoch im dritten Lehrjahr werden dem Arbeitgeber die Lohnkosten, die er weiterzahlen muss, ersetzt. Er muss einzig und allein immer einen Tag auf den Lehrling verzichten. Nach Abschluss der Lehre wird der Lohn für die frei zu vereinbarende Arbeitszeit bezahlt. In der Regel wohl maximal 32 Stunden, da mittwochs Kurstag ist. Aber das kann der Betrieb mit dem Mitarbeiter wie auch bisher frei vereinbaren. Auch den Lehrling kostet die Ausbildung nichts, weil die Maturakurse voll gefördert sind, und er erhält weiter die volle Lehrlingsentschädigung.“
ÖBKZ: Wann geht es los und können Lehrlinge, die ihre Lehre schon begonnen haben, auch noch einsteigen?
Thomas Hagmann: „Wir starten im Herbst 2026. Und wir wollen alle, die möchten, in diese Ausbildungsschiene mitnehmen, Lehrlinge genauso wie Gesellen, die den ,Meister mit Matura‘ machen möchten. Jeden, der Interesse hat, fordern wir auf, sich über die Möglichkeiten zu informieren.“

