Fermentation als steuerbarer Prozess
Lange Zeit wurde Sauerteig vor allem als Erfahrungswissen verstanden. Heute betrachten ihn Forschungseinrichtungen zunehmend als steuerbaren biochemischen Prozess, bei dem Mikroorganismen, Enzyme und Substrat gezielt zusammenspielen. Dabei geht es nicht um Standardisierung im industriellen Sinn, sondern um ein besseres Verständnis der Mechanismen, die Textur, Frischhaltung und Nährstoffverfügbarkeit beeinflussen.
Untersuchungen aus der europäischen Backwarenforschung zeigen, dass insbesondere kombinierte Fermentationsansätze – also Sauerteige mit definierten Milchsäurebakterien, Hefen und ergänzenden Enzymen – zu stabileren Teigeigenschaften führen können. Entscheidend ist dabei die Balance zwischen mikrobieller Aktivität und enzymatischem Abbau von Stärke- und Faserstrukturen.
Verbesserte Verarbeitungseigenschaften
Ein zentrales Ergebnis vieler aktueller Studien betrifft die Teigstabilität. Durch den gezielten Einsatz von Starterkulturen lassen sich Gärverlauf, Säurebildung und Gasretention besser steuern. Ergänzende Enzyme können dabei helfen, komplexe Kohlenhydrate wie Arabinoxylane oder Beta-Glucane teilweise aufzuschließen, ohne die Teigstruktur zu schwächen.
Für das Handwerk bedeutet das vor allem mehr Prozesssicherheit. Teige reagieren weniger empfindlich auf Schwankungen bei Mehlqualität oder Umgebungstemperatur. Gleichzeitig lassen sich Volumen, Krume und Frischhaltung positiv beeinflussen – Aspekte, die im Arbeitsalltag eine zentrale Rolle spielen.
Nährwert im Fokus der Forschung
Neben technologischen Effekten rückt zunehmend auch der ernährungsphysiologische Nutzen in den Vordergrund. Fermentationsprozesse können die Bioverfügbarkeit von Mineralstoffen verbessern, indem sie antinutritive Substanzen wie Phytinsäure abbauen. Gleichzeitig entstehen durch mikrobiellen Stoffwechsel organische Säuren und bioaktive Verbindungen, die sich positiv auf Verdauung und Stoffwechsel auswirken können.
Studien deuten zudem darauf hin, dass fermentierte Brote mit gezielt eingesetzten Starterkulturen einen niedrigeren glykämischen Effekt aufweisen können als vergleichbare Hefebrote. Diese Effekte hängen jedoch stark von Rezeptur, Fermentationsdauer und Mehltyp ab und lassen sich nicht pauschal verallgemeinern.
Tradition und Forschung kein Widerspruch
Auffällig ist, dass viele Forschungsansätze bewusst an handwerkliche Praxis anknüpfen. Es geht nicht darum, Sauerteig durch Enzyme zu ersetzen, sondern seine Wirkung gezielt zu unterstützen. Starterkulturen werden dabei als Werkzeug verstanden, um Fermentation reproduzierbarer zu machen – nicht, um sie zu vereinheitlichen.
Gerade für Betriebe, die mit langen Teigführungen arbeiten oder ballaststoffreiche Rohstoffe einsetzen, kann diese Kombination neue Spielräume eröffnen. Anpassungen erfolgen meist schrittweise und lassen sich in bestehende Abläufe integrieren.
Relevanz für das Bäckerhandwerk
Für Bäckerinnen und Bäcker liefert die aktuelle Fermentationsforschung vor allem eines: Orientierung. Sie zeigt, welche Prozesse im Teig ablaufen und an welchen Stellschrauben angesetzt werden kann, um Qualität, Bekömmlichkeit und Verarbeitung zu verbessern.
Dabei bleibt die Entscheidung bewusst beim Betrieb. Forschung liefert keine Rezepte, sondern Grundlagen. Wie sie genutzt werden, hängt von handwerklicher Philosophie, Sortiment und Kundschaft ab.
Die Kombination aus Sauerteig, Enzymen und Starterkulturen steht exemplarisch für eine Entwicklung, die Tradition nicht ersetzt, sondern vertieft. Fermentation wird zunehmend als Schlüssel verstanden, um Backwaren weiterzuentwickeln – technologisch wie ernährungsphysiologisch. Für das Bäckerhandwerk eröffnet das neue Möglichkeiten, ohne die eigenen Wurzeln zu verlassen.
Quellen & weiterführende Studien
Journal of Cereal Science (2025)
Impact of combined single- or mixed-strain sourdough fermentation and enzyme treatment on bread quality.
Die Studie untersucht, wie Sauerteigfermentation in Kombination mit Enzymen und definierten Starterkulturen die Teigstabilität, Frischhaltung und ernährungsphysiologische Eigenschaften von Brot beeinflusst.
Zur Studie
Food Chemistry (2024/2025)
Sourdough fermentation effects on arabinoxylans and mineral bioavailability.
Analysiert wird, wie Sauerteigfermentation Ballaststoffstrukturen verändert, Phytinsäure abbaut und die Bioverfügbarkeit von Mineralstoffen verbessert.
Zur Studie
Nutrients (2024)
Effect of sourdough fermentation on glycaemic index and digestibility of wheat bread.
Die Arbeit untersucht Zusammenhänge zwischen Fermentation, Stärkeverdaulichkeit und glykämischer Reaktion, ohne pauschale Gesundheitsversprechen abzuleiten.
Zur Studie
Foods (2025)
Mixed lactic acid bacteria starters improve dough rheology and bread quality.
Vergleicht spontane Fermentation mit definierten Starterkulturen und zeigt deren Einfluss auf Teigstruktur, Gärverlauf und Backeigenschaften.
Zur Studie
Trends in Food Science & Technology (2024)
Sourdough biotechnology: A comprehensive review.
Übersichtsarbeit zur aktuellen Sauerteigforschung, die technologische, mikrobiologische und ernährungsphysiologische Aspekte zusammenführt.
Zur Studie
Max Rubner-Institut (Deutschland)
Fermentation im Bäckerhandwerk – Mikroorganismen verstehen und nutzen.
Praxisnaher Überblick zur Bedeutung von Fermentation in der Lebensmitteltechnologie mit Fokus auf Backwaren.
Zur Quelle

