Das Lebensmittelhandwerk lebt von Menschen – von ihrer Leidenschaft, ihrem Wissen und ihrem Miteinander. Unter diesem Leitgedanken stand auch die zweite Ausgabe der Tafelrunde, bei der sich alles um die Themen Führung, Mitarbeitersuche und Ausbildung drehte. In Vorträgen und Diskussionsrunden wurde deutlich, dass „erfolgreiche Betriebe auf engagierte Menschen, gutes Teamwork und zukunftsorientierte Ausbildungswege angewiesen sind. Nur wenn Betriebe, Ausbildungsmodelle und Mitarbeitende gemeinsam zukunftsorientiert an einem Strang ziehen, kann das Handwerk den Herausforderungen der Zeit begegnen“, so Mag. Thomas Hagmann, Landesinnungsmeister des Lebensmittelgewerbes.
Ob in der inspirierenden Keynote von Philip Keil oder in den Gesprächen über das neue Ausbildungsmodell „Meister mit Matura“ und die Beschäftigung von Fachkräften aus Drittstaaten mit der Rot-Weiß-Rot-Karte – überall zeigte sich derselbe Gedanke: Menschen sind das wichtigste Kapital des Handwerks.

Kräfte bündeln

„Nur wenn wir unsere Kräfte bündeln, uns selbst weiterentwickeln und gegenseitig austauschen, können wir die Bedeutung des niederösterreichischen Lebensmittelgewerbes sichtbar machen. Wir stehen für Qualität, Regionalität und Vertrauen – und genau das soll auch für die Konsumentinnen und Konsumenten spürbar bleiben“, ist sich der Landesinnungsmeister der Berufssparten des Lebensmittelgewerbes sicher. Als besonderen Gast und Beispiel für das Vertrauen in zukünftige Generationen begrüßten die Landesinnungsmeister Klaus Kirchdorfer (Bäcker), Jakob Ellinger (Fleischer), Christian Heiss (Konditoren), Herbert Poinstingl (Müller) und Franz Neubauer (Nahrungs- und Genussmittelgewerbe) die Siegerin des Landeslehrlingswettbewerbs der Konditoren, Celina Stadler von der Café-Konditorei Erb in Waidhofen an der Ybbs. Sie steht stellvertretend für die hohe Ausbildungsqualität und das Engagement des Nachwuchses im niederösterreichischen Lebensmittelgewerbe.

My Aircraft – Your Aircraft

Ein besonderer Höhepunkt der Tafelrunde war der Vortrag von Philip Keil, ehemaliger Verkehrsflugzeugpilot und heute gefragter und mehrfach ausgezeichneter Keynote-Speaker auf großen Bühnen in Europa und Asien. In einer inspirierenden Rede stellte er anschaulich Parallelen zwischen dem Cockpit und dem Arbeitsalltag im Lebensmittelgewerbe her.

Dabei sprach er über Führung und Verantwortung, Motivation und Veränderung, Vertrauen und Fehlerkultur sowie Teamwork und Kommunikation – Werte, die in jedem erfolgreichen Betrieb zählen.

Besonders eindrucksvoll illustrierte Keil diese Prinzipien mit dem weltweit bekannten Beispiel der „Miracle on the Hudson“-Landung im Jahr 2009, als ein Airbus nach Vogelschlag auf dem Hudson River notwassern musste. Anhand der Originalaufzeichnung der Kommunikation zwischen Pilot, Co-Pilot und Tower zeigte Keil, wie klare Ziele, ruhige Kommunikation und gegenseitiges Vertrauen in einer Extremsituation den Unterschied machen können.

Seine Botschaft: Erfolg entsteht dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen, einander vertrauen und auch in turbulenten Zeiten einen klaren Kurs halten.

LIM Mag. Thomas Hagmann, Christian Heiss (IM Konditoren) und Kabarettist Clemens Maria Schreiner präsentierten das neue Ausbildungsmodell „Meister mit Matura“. © Tanja Wagner
LIM Mag. Thomas Hagmann, Christian Heiss (IM Konditoren) und Kabarettist Clemens Maria Schreiner präsentierten das neue Ausbildungsmodell „Meister mit Matura“. © Tanja Wagnermehr anzeigen
Philip Keil und Clemens Maria Schreiner, der Moderator des Abends. © Tanja Wagner
Philip Keil und Clemens Maria Schreiner, der Moderator des Abends. © Tanja Wagnermehr anzeigen

Neues Ausbildungsmodell „Meister mit Matura“

Ein zukunftsweisender Programmpunkt der Tafelrunde war die Präsentation des neuen Ausbildungsmodells „Meister mit Matura“. Thomas Hagmann, LIM des Lebensmittelgewerbes, und Christian Heiss, LIM der Konditoren, haben das Konzept gemeinsam entwickelt und erstmals im Schloss Gurhof vorgestellt.

Mit „Meister mit Matura“ reagiert die Landesinnung auf den tiefgreifenden Wandel der Arbeitswelt und auf die Ansprüche der jungen Generation. Ziel ist es zu zeigen, dass eine handwerkliche Lehre und eine fundierte Allgemeinbildung kein Gegensatz sind, sondern sich perfekt ergänzen. Das Modell kombiniert Praxisnähe mit weiterführender Bildung – eine Ausbildung mit Zukunft, die bis hin zum Studium offen ist.

Christian Heiss betonte, dass das neue Konzept vor allem eines löst, woran frühere Modelle oft scheiterten: den Zeitdruck junger Menschen. Statt abends nach einem vollen Arbeitstag die Schulbank zu drücken, sieht „Meister mit Matura“ einen fixen Ausbildungstag pro Woche vor – vier Tage im Betrieb, ein Tag Schule. So bleibt Raum zum Lernen – und für das Privatleben.
Heiss sprach offen über die Imagefrage der Lehre: Zu oft werde sie noch als „zweite Wahl“ gesehen. Mit „Meister mit Matura“ soll sich das ändern – die Ausbildung erhält ein neues Selbstverständnis und macht deutlich, dass Handwerk, Wissen und Karrierechancen Hand in Hand gehen.

Das duale System bleibt erhalten, wird aber modernisiert: Sechs Jahre lang verbinden Lehrlinge theoretische und praktische Ausbildung, um zu qualifizierten Fachkräften zu werden. Für Betriebe bedeutet das keine Mehrkosten, gleichzeitig aber einen klaren Vorteil: engagierte, gut ausgebildete Mitarbeitende mit Zukunftsperspektive. Die Kurse werden größtenteils gefördert, und auch nach der Ausbildung bleiben alle Wege offen – bis hin zu akademischen Laufbahnen. Der Start des Programms ist für Herbst 2026 geplant.

Rot-Weiß-Rot-Karte & Arbeitnehmer aus Drittstaaten

Eine weitere Diskussion widmete sich der Personalfrage, ein brennendes Thema, welches das Lebensmittelgewerbe derzeit stark beschäftigt. Moderiert von Clemens Maria Schreiner, diskutierten Thomas Teufner, MBA (Inhaber der Bäckerei Teufner GmbH & Co KG, Melk), Harald Wammer (Gastronomieberater und früherer Kulinarik-Direktor einer Reederei) sowie Mag. Andreas Grießler (Amt der NÖ Landesregierung, Abteilung Polizei- und Veranstaltungsangelegenheiten) über die Möglichkeiten der Rot-Weiß-Rot-Karte für qualifizierte Arbeitskräfte aus Drittstaaten.

Die Rot-Weiß-Rot-Karte ist ein österreichisches Modell, das Aufenthalts- und Arbeitsrecht kombiniert, um gezielt Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern anzuwerben und dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Damit rückt sie zunehmend auch für handwerkliche Betriebe in den Fokus.

Thomas Teufner schilderte die Herausforderungen seines Betriebs: „Wir haben in einem Jahr 22 Personen an- und abgemeldet. Viele blieben nur kurz, manche nur einen Tag. Niemand wollte diese Arbeit machen.“ Aus dieser Erfahrung heraus suchte er gemeinsam mit Harald Wammer nach neuen Wegen. Wammer, der in seiner Zeit als Chef von über 30 Küchen intensiv mit asiatischen Arbeitnehmern zusammengearbeitet hatte, berichtete von deren Disziplin und Verlässlichkeit im Berufsalltag. Aus dieser Erfahrung heraus gründete er ein Unternehmen, das sich auf die Vermittlung von Arbeitskräften aus Drittstaaten – etwa aus Indonesien – spezialisiert hat.
In der Diskussion wurde deutlich: Qualifizierte Zuwanderung kann eine wertvolle Unterstützung für das Lebensmittelhandwerk sein – vorausgesetzt, sie ist gut organisiert, rechtlich klar geregelt und begleitet von einer Kultur der Integration und Wertschätzung.

Vergnüglicher und genüsslicher Ausklang

Den Show-Act der Tafelrunde bestritt Jimmy Schlager aus dem Weinviertel. Der Entertainer begeisterte das Publikum mit seinem Musik-Kabarett. Mit seinen mitreißenden Songs und pointierten Geschichten nahm er die Gäste mit auf eine humorvolle Reise durch die Sonderbarkeiten der Gesellschaft.

Beim anschließenden Galadiner nutzten die rund 180 Teilnehmer aus den verschiedenen, einander oft ergänzenden Berufssparten die Gelegenheit zum persönlichen Austausch.

Die Landesinnungsmeister standen für Gespräche bereit und vertieften dabei den Kontakt zu den Mitgliedern. Das regionale Menü, kreiert von Georg Loichtl vom Cateringunternehmen Flieger-Gastro aus St. Pölten, zeigte einmal mehr, wie harmonisch sich die Produkte der Fleischer-, Bäcker-, Konditor-, Müller- sowie Nahrungs- und Genussmittelbetriebe zu einem kulinarischen Ganzen vereinen.

„Die Tafelrunde macht deutlich, was das niederösterreichische Lebensmittelhandwerk auszeichnet: Gemeinschaft, Qualität und Leidenschaft. Und sie zeigt, dass man – ganz im Sinne des Mottos – gemeinsam mehr erreichen kann“, freute sich Mag. Thomas Hagmann.

Autorin: Hilde Resch