Rund 60 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Industrie und Ausbildung kamen am 4. März an der Fachhochschule Oberösterreich in Wels zusammen, um aktuelle Entwicklungen entlang der Getreidewertschöpfung zu diskutieren. Die Veranstaltung der Lebensmittel-Cluster in Ober- und Niederösterreich machte deutlich: Getreide ist längst mehr als ein Grundnahrungsmittel. Es steht im Zentrum technologischer Innovationen, globaler Herausforderungen und gesellschaftlicher Verantwortung.
Nach der Begrüßung durch Julian Weghuber von der FH Oberösterreich rückte Claudia Probst die Bedeutung der Lebensmittelsicherheit in den Fokus. Mykotoxine, also giftige Stoffwechselprodukte von Schimmelpilzen, entstehen sowohl am Feld als auch während der Lagerung. „Witterung, Anbaupraktiken und Lagerbedingungen zählen zu den wesentlichen Faktoren. Um Risiken frühzeitig zu erkennen und Auswirkungen auf Endkonsumenten auszuschließen, braucht es verlässliche Monitoring- und Analyseverfahren“, betonte die Studiengangsleiterin für Agrartechnologie und -management.
Sorghum als Alternative im Klimawandel
Ein zentrales Thema war die Suche nach resilienten Rohstoffen. Regine Schönlechner und Rafaela Scheibelberger von der Universität für Bodenkultur Wien stellten Sorghum als mögliche Alternative zu Weizen vor. Die Getreideart gilt als besonders klimaresistent und könnte künftig an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig verwiesen die Forscherinnen auf technologische Herausforderungen in der Verarbeitung. Für stabile Back- und Teigeigenschaften seien Anpassungen notwendig. Erste Anwendungen wurden bereits präsentiert. Verkostet werden konnten unter anderem Sorghum-Krapfen der Kuchen-Peter Backwaren GmbH.
Pflanzliche Proteine im Aufwind
Die steigende Nachfrage nach pflanzlichen Proteinen bringt neue Chancen, aber auch Herausforderungen. Elisabeth Reiter von der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit verwies auf Risiken durch antinutritive Stoffe, Allergene und mögliche Kontaminationen. Mit der zunehmenden Nutzung pflanzlicher Rohstoffe steigen auch die Anforderungen an Analytik, Qualitätskontrolle und Kennzeichnung. Ergänzend dazu betonte Sabine Chmelar von der Fachhochschule St. Pölten die Bedeutung wissenschaftlich fundierter Ernährungsempfehlungen. Entscheidend sei eine enge Zusammenarbeit zwischen Medizin, Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaften, um belastbare Grundlagen für die Praxis zu schaffen.
Digitalisierung verändert die Produktion
Wie stark digitale Technologien bereits in der Lebensmittelproduktion angekommen sind, zeigte Michael Kollegger von der FOTEC Forschungs- und Technologietransfer GmbH. Anwendungen aus dem Bereich Internet of Things, Cloud Computing und datenbasierte Analysen ermöglichen eine präzisere Steuerung von Produktionsprozessen und erhöhen die Effizienz.
Auch künstliche Intelligenz wird zunehmend eingesetzt. Oliver Raferzeder von Brotsüchtig und Volkmar Wieser vom Software Competence Center Hagenberg arbeiten mit Prognosemodellen, die Produktionsmengen und Absatzentwicklungen vorhersagen. Das erleichtert die Planung von Kapazitäten und reduziert wirtschaftliche Risiken.
Versorgungssicherheit unter Druck
Die globale Perspektive brachte Peter Stallberger von GoodMills Österreich ein. Er skizzierte die Auswirkungen von Klimawandel, geopolitischen Unsicherheiten und internationalen Warenströmen auf die Getreideversorgung. Europa sei aktuell zwar gut mit Weizen versorgt, exportiere jedoch große Mengen und verfüge nur über geringe Vorräte. Langfristig verschärfen klimatische Veränderungen die Situation zusätzlich. Stallberger plädierte daher für ein Umdenken in der Ernährung und eine stärkere Orientierung hin zu pflanzlichen Lebensmitteln. Dass diese Entwicklung bereits in der Ausbildung angekommen ist, zeigten Schülerinnen der HTL für Lebensmitteltechnologie in Wels. Sie präsentierten ein veganes Sugo auf Basis von Okara, einem Nebenprodukt der Tofuherstellung, und machten damit das Potenzial alternativer Rohstoffe greifbar.
Nebenströme als Rohstoffquelle
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Nutzung von Nebenströmen aus der Lebensmittelproduktion. Bettina Zieher und Ines Briglauer von der FH Oberösterreich zeigten, wie biotechnologische Prozesse zur Aufwertung solcher Rohstoffe beitragen können. Im Projekt „Blackbox Umami“ wird gezielt an enzymatischen Reaktionen gearbeitet, die geschmacksgebende Umami-Komponenten erzeugen.
Auch Energieeffizienz stand im Fokus. Lukas Knoll von der Knollmühle und Josef Buchinger von ConPlusUltra präsentierten Ergebnisse aus dem Projekt EENOVA. Energieaudits zeigen demnach nicht nur Einsparpotenziale, sondern leisten auch einen Beitrag zur wirtschaftlichen Optimierung von Produktionsprozessen.
Die Moderation der Veranstaltung übernahm Gisela Wenger-Öhn von der HTL für Lebensmitteltechnologie in Wels. Der Getreidetechnologietag machte deutlich, dass die Branche vor tiefgreifenden Veränderungen steht. Zwischen Klimadruck, technologischen Innovationen und veränderten Ernährungsgewohnheiten wird die Zukunft des Getreides neu gedacht.

