Wenn man Matthias Rathmayr in seiner Backstube in St. Agatha besucht, riecht es nach frischem Brot – und viel Veraenderung. Wo frueher ein alter Oefen stand, arbeitet heute ein hochmoderner Elektrobackofen – gespeist aus selbst produziertem Strom. Der Baeckermeister hat seine Baeckerei konsequent auf eine neue Energiezukunft ausgerichtet. Ein mutiger Schritt in Zeiten, in denen viele lieber abwarten. „Wir wollten raus aus der fossilen Energie – das war mir wichtig“, sagt Rathmayr und wischt sich Mehl von der Hand. „Nach fast vier Jahrzehnten war klar: Der alte Ofen hat ausgedient. Jetzt backen wir elektrisch – und das ist das Einfachste, Sauberste und Nachhaltigste.“

Der neue Elektrobackofen von Wachtel ist das Herzstück der Modernisierung – energieeffizient, präzise steuerbar und vollständig in das nachhaltige Energiekonzept der Bäckerei integriert. . © Beigestellt

Der neue Elektrobackofen von Wachtel ist das Herzstück der Modernisierung – energieeffizient, präzise steuerbar und vollständig in das nachhaltige Energiekonzept der Bäckerei integriert. . © Beigestellt

Abschied vom Oel

Der Entschluss, sich vom Oelofen zu trennen, fiel nicht ueber Nacht. Doch als die Strompreise stiegen und das Thema Nachhaltigkeit immer draengender wurde, entschied sich der 32-Jaehrige, den Umstieg konsequent zu denken. Gemeinsam mit der Grieskirchner Firma M & M Energietechnik GmbH entwickelte er ein Konzept, das Handwerk, Technik und Verantwortung vereint. „Es ging nicht nur darum, einen Ofen zu tauschen“, erzaehlt er. „Wir mussten die ganze Elektroinfrastruktur neu denken.“ Der Umbau kostete insgesamt rund 350.000 Euro – davon etwa 200.000 Euro fuer die Elektroinstallation und 150.000 Euro fuer den neuen Ofen samt Beladesystem.

Energie mit Hausverstand

Ein stolzer Betrag fuer einen Familienbetrieb – aber einer, der sich rechnet. „Wir sparen rund 20.000 Euro im Jahr an Strom- und Heizkosten“, sagt Rathmayr. „In etwa 17 Jahren haben wir die Investition wieder herinnen. Und das, ohne Preissteigerungen mitzurechnen – realistisch wird’s deutlich schneller gehen.“
Herzstueck des Projekts ist eine Photovoltaikanlage mit Batteriespeicher, die gemeinsam mit der M & M Energietechnik GmbH umgesetzt wurde. Die Anlage deckt einen Teil des Energiebedarfs, die restliche Energie wird von der oertlichen Energiegemeinschaft geliefert.
„Unsere Anlage wird mit Energie aus der Energiegemeinschaft geladen und entlastet dadurch tagsueber das Stromnetz“, erklaert Rathmayr. „Gleichzeitig hilft sie, unsere Lastspitzen abzudecken und das Lastprofil zu glaetten. So koennen Lastspitzen reduziert und der Energieverbrauch in die Nachtstunden verschoben werden – das Netz wird entlastet, weil tagsueber guenstig geladen und die gespeicherte Energie spaeter verbraucht wird.“
Moeglich wird das durch die intelligente Softwareloesung, die auf einer praezisen, massgeschneiderten Planung basiert – sie sorgt dafuer, dass Speicher, PV-Anlage und Backstubenprozesse optimal zusammenspielen und so die regionale Stromversorgung zusaetzlich gestaerkt wird.
Die Effekte sind messbar: Die Betriebskosten konnten von knapp 59.000 Euro auf rund 39.000 Euro pro Jahr gesenkt werden. Gleichzeitig wird durch den Wegfall fossiler Brennstoffe – Oel und Gas – der CO2-Ausstoss um rund 84 Tonnen jaehrlich reduziert. Auch die Belastung des Stromnetzes sank deutlich: von 225 kW auf 65 kW im Betrieb.
„Das ist wirklich eine Win-win-Situation“, sagt Rathmayr. „Wir sparen Energie, Kosten und Emissionen – und das Netz freut sich auch. Die Anlage glaettet unsere Lastspitzen, sichert den Betrieb und sorgt dafuer, dass wir auch bei Stromausfall weiterbacken koennen.“ Laut Berechnungen wird sich die Investition in weniger als zehn Jahren amortisieren. Dazu kommen zusaetzliche Vorteile wie eine verbesserte Arbeitssicherheit – etwa durch die saubere, wartungsarme Ofentechnik – und eine deutlich stabilere Energieversorgung.
„Der Umstieg war nicht nur wirtschaftlich sinnvoll, sondern auch ein Bekenntnis zur Zukunft“, betont Rathmayr. „Wir wollen zeigen, dass nachhaltige Produktion im Handwerk funktioniert – und zwar aus eigener Kraft.“

Das Herz der neuen Energiezentrale ist nicht nur der leistungsstarke Wechselrichter,sondern vor allem die effiziente und innovative Planung, die das Zusammenspiel von Wechselrichter, Speicher und Elektrotechnik erst möglich macht. © Beigestellt

Das Herz der neuen Energiezentrale ist nicht nur der leistungsstarke Wechselrichter,
sondern vor allem die effiziente und innovative Planung, die das Zusammenspiel
von Wechselrichter, Speicher und Elektrotechnik erst möglich macht. © Beigestellt

Teamarbeit im Sommerurlaub

Das planungsintensive Projekt musste in nur zwei Wochen umgesetzt werden – waehrend des Betriebsurlaubs. In dieser kurzen Zeit wurde der alte Ofen entfernt, die Oeltanks entsorgt, neue Leitungen verlegt, die gesamte Niederspannungshauptverteilung getauscht, eine Notstromumschaltung installiert, der Speicher eingebaut und die PV-Anlage montiert.
„Das war ein echter Kraftakt“, erinnert sich Rathmayr. „Aber die Zusammenarbeit mit M & M Energietechnik war perfekt organisiert. Jeder Handgriff hat gepasst. Nach dem Urlaub haben wir wieder aufgesperrt – nur eben fossilfrei.“
Christian Muehlbaeck, Geschaeftsfuehrer von M & M Energietechnik, betont: „Das Projekt Rathmayr zeigt, dass Klimaschutz im Handwerk nicht nur moeglich, sondern wirtschaftlich sinnvoll ist. Wir kombinieren Versorgungssicherheit, Eigenverbrauch und Stabilitaet – das ist Zukunft mit Hausverstand.“

Tradition mit Zukunft

Die Baeckerei Rathmayr ist ein Traditionsbetrieb – und dennoch offen fuer neue Wege. Seit Generationen wird hier Brot gebacken, heute komplett ohne fossile Brennstoffe. Der Betrieb ist in eine regionale Energiegemeinschaft eingebunden, nutzt lokale Ressourcen und zeigt, wie moderne Technologie und handwerkliches Denken ineinandergreifen. „Wir leben von der Region – also tragen wir auch Verantwortung fuer sie“, sagt Rathmayr. „Unsere Entscheidung ist nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine Haltung. Wir wollen zeigen, dass Handwerk Zukunft hat – wenn man mutig ist und weiterdenkt.“

Ein Vorbild fuer das Lebensmittelhandwerk

Das Beispiel aus St. Agatha steht exemplarisch fuer viele Handwerksbetriebe, die vor aehnlichen Entscheidungen stehen. Es zeigt, dass Investitionen in Energieeffizienz nicht nur die Umwelt schonen, sondern auch die Wettbewerbsfaehigkeit sichern. Rathmayr lacht: „Ich sag immer: Brot backen ist Energiearbeit – aber jetzt nutzen wir sie richtig.“

Rathmayr Bäckerei GmbH
Etzingerstraße 2
4084 St. Agatha
www.baeckerei-rathmayr.at