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Marktmacht im Lebensmittelhandel: Warum regionale Nahversorger immer wichtiger werden

Vier Handelskonzerne dominieren den österreichischen Lebensmittelmarkt. Neue Analysen zeigen, wie stark diese Konzentration mittlerweile ist – und welche Folgen sie für Preise, Angebot und Konsument:innen hat. Für Bäckereien, Konditoreien und andere regionale Nahversorger rückt damit eine Frage wieder stärker in den Fokus: Wie bleibt Vielfalt in der Grundversorgung erhalten?

Ein Markt mit viel Auswahl – und wenig Wettbewerb

Der österreichische Lebensmitteleinzelhandel zählt seit Jahren zu den am stärksten konzentrierten in Europa. Laut Konzernatlas 2026 kontrollieren die vier größten Handelsketten – SPAR, REWE, Hofer und Lidl – gemeinsam rund 94 Prozent des Marktes. Damit liegt Österreich deutlich über dem Niveau Deutschlands, wo der Anteil der vier größten Anbieter bei etwa 88 Prozent liegt.

Was für Konsument:innen auf den ersten Blick wie große Auswahl wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als stark gebündelte Marktmacht. Preise, Sortimente und Einkaufsbedingungen werden zentral festgelegt – mit Auswirkungen auf Produzenten, Verarbeiter und letztlich auf die Kundschaft.

Preisentwicklung trifft den täglichen Einkauf

In den vergangenen fünf Jahren sind die Lebensmittelpreise in Österreich deutlich gestiegen. Das betrifft nicht nur Spezialprodukte, sondern vor allem den täglichen Einkauf: Brot, Gebäck, Mehl, Milchprodukte und andere Grundnahrungsmittel. Der Konzernatlas kommt zu dem Schluss, dass diese Preisentwicklung nicht allein durch höhere Energie-, Transport- oder Rohstoffkosten erklärbar ist. Auffällig ist vielmehr, dass identische oder vergleichbare Markenprodukte in Österreich häufig teurer sind als in Deutschland – bei ähnlichen Produktionsbedingungen. Als Ursachen nennt der Bericht unter anderem die hohe Marktkonzentration sowie territoriale Lieferbeschränkungen, die den Wettbewerb zusätzlich einschränken.

Wertschöpfung gerät unter Druck

Während die Preise im Handel steigen, kommt davon bei landwirtschaftlichen Betrieben, Mühlen, Bäckereien, Konditoreien und anderen Verarbeitern oft nur wenig an. Der Konzernatlas beschreibt eine Verschiebung der Margen entlang der Lieferkette – weg von den produzierenden Betrieben, hin zum Handel. Viele Betriebe agieren als Preisnehmer. Ihre Verhandlungsmacht ist begrenzt, Alternativen fehlen. Das wirkt sich langfristig auf die Vielfalt aus – sowohl bei Rohstoffen als auch bei handwerklich hergestellten Lebensmitteln.

Kritik aus Umwelt- und Konsumentenschutz

Die Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000 hat gemeinsam mit der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) die Machtverhältnisse im Lebensmittelbereich untersucht – vom Saatgut über Verarbeitung bis in den Handel.

Für Österreich fällt die Analyse besonders deutlich aus. Anna Leitner, Ressourcen-Sprecherin bei GLOBAL 2000 und Co-Autorin des Atlas, kritisiert: „Die Preise für Lebensmittel sind in den letzten fünf Jahren der realen Kaufkraft davon galoppiert. Während immer mehr Menschen immer mehr Geld für Essen ausgeben müssen, finanzieren sich Konzerne ihre Übergewinne – sie kontrollieren nicht weniger als 90 Prozent des Marktes.“ Der Bericht sieht darin ein strukturelles Problem, das sich nicht allein durch Marktmechanismen lösen lasse.

Warum Marktmacht Konsumenten betrifft

Die Debatte um Marktmacht wird häufig als Branchenthema geführt. Tatsächlich betrifft sie Konsument:innen unmittelbar. Weniger Wettbewerb bedeutet nicht nur höhere Preise, sondern auch geringere Transparenz bei Herkunft, Verarbeitung und Qualität. Gerade bei Grundnahrungsmitteln wie Brot und Gebäck zeigt sich, wie stark zentrale Einkaufsstrategien regionale Vielfalt verdrängen können. Entscheidungen über Sortimente fallen oft nicht mehr vor Ort, sondern in Konzernzentralen.

Regionale Bäckereien und Konditoreien als Teil der Lösung

Vor diesem Hintergrund gewinnen regionale Bäckereien, Konditoreien und andere Nahversorger an Bedeutung. Sie arbeiten in kurzen Wertschöpfungsketten, kennen ihre Lieferanten und stehen in direktem Austausch mit ihren Kunden. Für Konsumentinnen und Konsumenten bedeutet das Verlässlichkeit: nachvollziehbare Preise, transparente Qualität und Produkte, deren Herkunft bekannt ist. Gerade in Zeiten steigender Lebenshaltungskosten wird diese Nähe wieder stärker wahrgenommen.

Handwerk sichert Vielfalt und Versorgung

Das Lebensmittelhandwerk ist mehr als ein traditioneller Wirtschaftszweig. Es trägt zur Versorgungssicherheit bei, hält Arbeitsplätze in den Regionen und sorgt für Vielfalt im Angebot – jenseits standardisierter Massenprodukte. Die aktuelle Diskussion um Marktmacht zeigt, dass diese Rolle nicht nur für Betriebe selbst relevant ist, sondern für Konsumentinnen und Gemeinden gleichermaßen.

Alternative Modelle gewinnen an Aufmerksamkeit

Neben klassischen Handwerksbetrieben entstehen neue Formen der Lebensmittelversorgung. Genossenschaftliche Zusammenschlüsse, solidarische Landwirtschaft oder Mitmach-Supermärkte setzen auf Beteiligung und Transparenz statt auf reine Gewinnmaximierung.  Anna Leitner verweist dabei auf Initiativen wie GeLa Ochsenherz oder den Mitmach-Supermarkt MILA, die zeigen, dass Lebensmittelwirtschaft auch anders gedacht werden kann – mit positiven Effekten für Gemeinschaft, Ortskerne und Umwelt.

Vielfalt braucht Struktur

Die hohe Marktkonzentration im österreichischen Lebensmittelhandel ist kein abstraktes Thema, sondern eine Frage der täglichen Versorgung. Regionale Nahversorger – darunter Bäckereien und Konditoreien – gewinnen in dieser Debatte an Bedeutung, weil sie Vielfalt, Transparenz und Nähe ermöglichen. Nicht als Gegenmodell zum Handel, sondern als notwendige Ergänzung in einem Markt, der zunehmend von wenigen Akteuren geprägt wird.

Deutschland vs. Österreich Marktkonzentration im Lebensmittelhandel

Deutschland Vier große Handelskonzerne kontrollieren rund 88 Prozent des Lebensmittelmarktes.

Österreich Der Markt ist noch stärker gebündelt: Die vier größten Handelsketten vereinen etwa 94 Prozent des Marktes auf sich.

Quelle: Konzernatlas 2026

Welche Auswirkungen hat die hohe Marktmacht im Lebensmittelhandel?

Für Konsumentinnen und Konsumenten: Weniger Wettbewerb bedeutet höhere Preise, geringere Auswahl und weniger Transparenz bei Herkunft und Qualität.

Für Grundnahrungsmittel: Entscheidungen über Sortiment und Preis entstehen zentral – regionale Besonderheiten geraten unter Druck.

Für regionale Betriebe: Bäckereien, Konditoreien und andere Nahversorger verlieren Sichtbarkeit, obwohl sie zur Versorgungssicherheit beitragen.

Für die Versorgung: Eine starke Abhängigkeit von wenigen Konzernen erhöht die Anfälligkeit für Preisschwankungen und Lieferengpässe.

 

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