Wenn über Zucker, Übergewicht und Lifestyle-Erkrankungen diskutiert wird, geraten süße Backwaren rasch unter Generalverdacht. Cremeschnitten, Torten oder Plundergebäck stehen sinnbildlich für „zu viel Zucker“. Aktuelle, von foodwatch ausgewertete Euromonitor-Daten zeichnen jedoch ein differenzierteres Bild – und verschieben den Fokus der Debatte deutlich.
In Österreich werden pro Kopf täglich rund 23 Gramm Zucker allein über Softdrinks konsumiert. Damit liegt das Land im westeuropäischen Spitzenfeld. Zum Vergleich: Über Süßigkeiten werden im Durchschnitt rund 15 Gramm Zucker pro Tag aufgenommen – also deutlich weniger.
Flüssiger Zucker als ernährungsphysiologischer Faktor
Der Unterschied ist nicht nur statistisch relevant, sondern auch ernährungsphysiologisch. Während Zucker in Back- und Konditorwaren meist im Rahmen bewusster Mahlzeiten oder als gezielter Genuss konsumiert wird, erfolgt die Aufnahme über Getränke häufig beiläufig. Flüssiger Zucker sättigt kaum, wird rasch resorbiert und wird oft unbewusst konsumiert. Ein Glas Limonade, ein Energydrink oder ein gesüßter Eistee summieren sich über den Tag, ohne dass Konsumentinnen und Konsumenten das Gefühl haben, etwas gegessen zu haben und den „Hunger gestillt” zu haben. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt maximal 25 Gramm freien Zucker pro Tag. Diese Menge wird in Österreich durch Softdrinks nahezu erreicht – noch bevor ein Dessert oder Stück Kuchen ins Spiel kommt.
Der direkte Vergleich – differenzierter betrachtet
Ein Glas Cola mit 250 Millilitern enthält etwa 26 bis 27 Gramm Zucker, eine Dose mit 330 ml demnach rund 35 g Zucker. Ein gesüßter Eistee liegt in einer ähnlichen Größenordnung, manche sogar noch darüber. Damit wird die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene Tageshöchstmenge von 25 Gramm freiem Zucker bereits mit einem einzigen Glas erreicht oder überschritten.
Zum Vergleich im klassischen Konditoreisortiment:
- Eine Schokoladentorte kommt – je nach Rezeptur – auf rund 25 bis 30 Gramm Zucker pro Stück.
- Eine Topfenschnitte liegt meist zwischen 18 und 22 Gramm.
- Ein Stück Apfelstrudel bewegt sich häufig im Bereich von 15 bis 20 Gramm.
Ernährungsphysiologisch bedeutet das: Ein Glas Cola enthält in etwa so viel Zucker wie ein Stück Schokoladentorte – und mehr als eine Topfenschnitte oder ein Apfelstrudel.
Der entscheidende Unterschied liegt jedoch vor allem im Konsummuster. Während eine Torte oder Schnitte bewusst als Dessert, Jause oder Anlassgenuss gewählt wird, werden Softdrinks und Eistee oft nebenbei konsumiert – im Auto, in der Schule, im Büro oder unterwegs. Die Zuckeraufnahme erfolgt dadurch häufiger und unbewusster.
Energydrinks im Höhenflug
Besonders dynamisch entwickelt sich der Konsum von Energydrinks. Österreich liegt mit 4,16 Gramm Zucker pro Kopf und Tag auf Platz zwei in Westeuropa. 2011 waren es noch 2,71 Gramm. Der Anstieg ist damit deutlich. Länder wie Italien oder Spanien liegen bei unter einem Gramm täglich.
Gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zählen Energydrinks zu den wichtigsten Zuckerquellen. Auch hier gilt: Die Aufnahme erfolgt flüssig, schnell und ohne Sättigungseffekt.
Zuckerhaltige Getränke gelten als zentraler Risikofaktor für Übergewicht und Typ-2-Diabetes. In Österreich sind laut aktuellen Erhebungen rund 3,7 Millionen Erwachsene übergewichtig, jedes dritte Kind im Volksschulalter bringt zu viele Kilos auf die Waage. Flüssiger Zucker liefert viele Kalorien, ohne ein entsprechendes Sättigungsgefühl zu erzeugen – insbesondere Kinder und Jugendliche konsumieren große Mengen, oft ohne es bewusst wahrzunehmen.
Andere Länder handeln bereits
Mehr als 100 Länder weltweit haben inzwischen eine Abgabe auf stark zuckerhaltige Getränke eingeführt. foodwatch fordert daher eine sogenannte Kracherl-Steuer sowie ein Verkaufsverbot von Energydrinks an Minderjährige.
„Die Zahlen sind ein Weckruf. Es kann nicht sein, dass Österreich tatenlos zusieht, wie sich eine ganze Generation mit Zucker krank trinkt. Im Sinne der Gesundheit von Millionen Menschen muss die Bundesregierung endlich handeln“, so Miriam Maurer von foodwatch Österreich.
Konsumentinnen und Konsumenten werden dazu aufgerufen, entsprechende Petitionen zu unterstützen und politischen Druck für eine Besteuerung stark zuckerhaltiger Getränke sowie eine gesetzliche Altersgrenze beim Verkauf von Energydrinks aufzubauen.
Einordnung für das Bäcker- und Konditorenhandwerk
Für das Handwerk ist diese Differenzierung wesentlich. Die strukturelle Hauptquelle des Zuckerkonsums liegt nicht im handwerklich hergestellten Konditoreiprodukt, sondern im industriell produzierten Getränkesegment.
Handwerkliche Back- und Konditorwaren sind in der Regel portioniert, anlassbezogen und genussorientiert. Sie sind kein tägliches Durstprodukt, sondern Teil einer bewussten Genusskultur.
Das bedeutet nicht, gesundheitliche Aspekte auszublenden. Es bedeutet jedoch, die Diskussion faktenbasiert zu führen und dort anzusetzen, wo der größte ernährungspolitische Hebel liegt: bei alltäglichen Konsummustern und flüssigem Zucker.
Die aktuelle Datenlage verschiebt die Perspektive in der Zuckerdebatte. Für das Bäcker- und Konditorenhandwerk eröffnet sich damit die Möglichkeit, Genuss, Maßhalten und handwerkliche Qualität sachlich zu argumentieren.
Die Herausforderung liegt weniger in der Vitrine – sondern im Getränkeregal.

