Wenn ein Betrieb in neue Hände übergeht, steht mehr auf dem Spiel als Zahlen und Verträge. Die Übergabe eines Unternehmens berührt wirtschaftliche, rechtliche und persönliche Ebenen gleichermaßen. Die ÖBKZ hat mit Hansjörg Marko darüber gesprochen, warum Nachfolge frühzeitig gedacht werden muss – und weshalb sie oft unterschätzt wird.
Die Übergabe eines Unternehmens zählt zu den einschneidendsten Phasen im Lebenszyklus eines Betriebs. Dennoch wird sie in vielen Fällen zu spät oder gar nicht vorbereitet. Vermehrt finden übergabefähige Unternehmen keinen geeigneten Nachfolger oder scheuen die Übergabe aus vielfältigen Gründen. Die Folgen einer verfehlten oder fehlenden Nachfolgestrategie sind gravierend – für Betriebe ebenso wie für Arbeitsplätze und regionale Wirtschaftsstrukturen.
Die Zahlen alarmieren
Der zertifizierte Nachfolgeberater Hansjörg Marko, MBA, MSc, beschäftigt sich seit Jahren wissenschaftlich und praktisch mit dem Thema Unternehmensnachfolge. In seiner Arbeit präzisierte er die realen Herausforderungen beim Fortbestand von Unternehmen. Die Zahlen sind alarmierend: Mehr als 65 Prozent aller Übergaben werden zu spät oder nicht vorbereitet, jedes dritte Unternehmen scheitert beim Generationswechsel.
Auffällig ist dabei, dass das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer rechtzeitigen Nachfolgeplanung ebenso fehlt wie strategische Überlegungen zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit. Die Ursachen sieht Marko vorrangig im persönlichen Bereich, aber auch in mangelndem Wissen über die Bewältigung der mit einer Übergabe verbundenen Probleme. Häufig scheitern Betriebe bereits an der Suche nach einem geeigneten Nachfolger. Aus Sicht des Experten gilt es daher, Unternehmen aussagefähig darzustellen und Chancen sowie Potenziale klar herauszuarbeiten.
Kein Spaziergang
Denn die Unternehmensnachfolge ist kein rein wirtschaftlicher oder rechtlicher Vorgang. „Die Übergabe ist kein Spaziergang“, betont Marko. Neben finanziellen und juristischen Fragen gehe es um ganz persönliche Themen, die oft tief unter die Haut gehen. Diese zutiefst menschlichen Fragen würden in der Praxis häufig zu wenig bearbeitet und führten nicht selten zu Konflikten, die eine Übergabe erschweren oder verhindern.
Aus der Erfahrung des Nachfolgeberaters berührt der Übergabeprozess elementare Lebensfragen: das eigene Lebenswerk, Macht und Verantwortung, Aufgaben und Perspektiven im Ruhestand, Gerechtigkeit, Familienfrieden, Vertrauen sowie Sicherheit für beide Generationen. Diese Themen lassen sich nicht mit Zahlen, Daten und Fakten allein lösen. Vielmehr gehe es darum, die oft verdeckten Motive sichtbar zu machen und für jede beteiligte Person einen klaren Handlungsrahmen zu definieren.
Wenn die Übergabe dringend notwendig wird
Besonders herausfordernd ist die Situation für die übergebende Generation. Die Unternehmensnachfolge hat für viele Unternehmer:innen Einmaligkeitscharakter, verwertbare Erfahrungen fehlen meist. Hinzu kommt, dass rund 50 Prozent aller Übergaben unerwartet notwendig werden, etwa durch Krankheit oder Todesfall. Notfallpläne, die in solchen Situationen Schutz und Sicherheit bieten könnten, fehlen in vielen Betrieben.
Altersbedingte Übergaben machen die übrigen Fälle aus. Überraschend ist jedoch, dass auch hier das Bewusstsein für eine rechtzeitige Planung häufig fehlt. Gleichzeitig zeigt sich ein deutlicher struktureller Wandel: Während 1996 noch rund 75 Prozent der Übergaben innerhalb der Familie erfolgten, waren es 2006 etwa 55 Prozent. Im Jahr 2025 liegen familieninterne Übergaben bei weniger als 45 Prozent. Die Gründe dafür reichen vom demografischen Wandel über veränderte Berufsvorstellungen der Kinder bis hin zu familiären Konflikten.
Für die scheidende Generation bedeutet die Übergabe oft einen tiefen Einschnitt. Sie steht am Scheideweg zwischen dem Blick zurück auf das Geschaffene und dem Abschied von einer sinnstiftenden Aufgabe sowie dem Blick in eine Zukunft, die nicht selten von Unsicherheit und offenen Fragen geprägt ist. Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass ein häufig genanntes Spannungsfeld lautet: „Der Seniorchef oder die Seniorchefin kann nicht auslassen.“
Fünf Themen bedeutend
Aus Sicht von Marko sind für Übergebende fünf Themen von zentraler Bedeutung: der Erhalt des Lebenswerks, finanzielle Sicherheit im Alter, Vertrauen in die Kompetenz der Nachfolger:innen, Perspektiven und Aufgaben für die Zukunft sowie der Erhalt des Familienfriedens.
Erst wenn diesen Themen ausreichend Raum gegeben wird, kann die Nachfolgefrage überhaupt ernsthaft angegangen werden. Gleichzeitig gilt es, diese Anliegen mit den Kernthemen der Übernehmenden in Einklang zu bringen – ein Prozess, der Geduld, Verständnis und einen achtsamen Umgang erfordert.
Vorbereitung ist alles
Als wesentlichen Erfolgsfaktor einer gelungenen Übergabe nennt Marko die intensive Vorbereitung. Spätestens wenn Unternehmer:innen den 60. Geburtstag feiern, sei der Zeitpunkt gekommen, sich mit der Nachfolge auseinanderzusetzen.
Die Unternehmensnachfolge, die mehrere Themenbereiche wie Finanzierung, Erbrecht, Unternehmensrecht und betriebswirtschaftliche Rahmenbedingungen umfasst, benötigt aus seiner Erfahrung mindestens zwei bis drei Jahre, um nachhaltig vorbereitet zu werden.
Eine allgemein gültige Patentlösung gibt es dabei nicht. Dafür sind Unternehmen und Menschen zu unterschiedlich. Entscheidend ist vielmehr eine verbindliche Klärung und ein individueller Übergabe-Fahrplan, der die Ziele und Wünsche von Übergebenden wie Übernehmenden berücksichtigt. Ein erfahrener Nachfolgeberater, eingebunden in ein Expertennetzwerk, kann diesen Prozess begleiten und strukturieren.
Vertrauen in die nächste Generation
Letztlich bedeutet Unternehmensnachfolge die Übergabe von Verantwortung in andere Hände. Sie erfordert Würdigung des Lebenswerks ebenso wie Vertrauen in die nächste Generation – und die Bereitschaft, sich rechtzeitig mit einem der wichtigsten Schritte im Unternehmerleben auseinanderzusetzen.
Nachfolge in Zahlen
Mehr als 65 % aller Unternehmensübergaben werden zu spät oder gar nicht vorbereitet. Rund jedes dritte Unternehmen scheitert im Zuge des Generationswechsels. Etwa 50 % aller Übergaben werden unerwartet notwendig, etwa durch Krankheit oder Todesfall des Unternehmers oder der Unternehmerin. Die übrigen 50 % entfallen auf altersbedingte Übergaben.
Der Anteil familieninterner Übergaben ist in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. 1996 erfolgten noch rund 75 % der Übergaben innerhalb der Familie. 2006 lag dieser Anteil bei etwa 55 %. Im Jahr 2025 sind es weniger als 45 %.
Eine nachhaltige Unternehmensnachfolge benötigt in der Regel mindestens zwei bis drei Jahre Vorlaufzeit. Sie umfasst mehrere Themenbereiche, darunter Finanzierung, Erbrecht, Unternehmensrecht und betriebswirtschaftliche Rahmenbedingungen.
Quelle: Analysen und wissenschaftliche Arbeit von Hansjörg Marko, zertifizierter Nachfolgeberater (CBSC).
Alle Infos: www.top-consulting.at
